Sommerfest

Im Garten des Mercator Hotels hingen Lichterketten in den alten Bäumen, von der Terrasse wehten die Klänge der Band und das Gelächter der Gäste herüber, und über allem spannte sich ein tintenblauer Nachthimmel, gekrönt von einem buttergelbem Vollmond. Adelie fühlte sich, als wäre sie durch ein Portal getreten und zurück im heimatlichen Greenvale Park. Sie hatte eine etwas versteckte steinerne Bank unter einem üppigen Rosenbusch gefunden. Die türkisblaue Seide des bodenlangen Abendkleides raschelte leise als sie sich bequemer hinsetze. Am liebsten würde sie ihre farblich passenden Pumps abstreifen, aber das wäre im höchsten Maße unstandesgemäß für eine Baroness auf einer öffentlichen Veranstaltung.

„Ah, hier hast du dich versteckt.“ Nate kam lässig den Weg herauf, beide Hände voll mit ihren Drinks. „Du hast schon ein Talent, immer die schönsten Eckchen zu finden. Ich musste gerade nach Henry Ausschau halten um dich zu lokalisieren.“ Er reichte ihr eines der Gläser, in den Eiswürfel in einer orange-roten Flüssigkeit klackten.

„Danke dir. Will ich wissen was das ist?“

Er lachte. „Sie nennen es Sunset Sipper, und wenn ich mich nicht verguckt habe, ist Bourbon, Campari, Wermut und Orangensaft drin. Schmeckt verdammt gut.“

Sie nippte am Glas während er sich neben sie setzte. Tatsächlich schmeckte der Longdrink exzellent - die holzige, warme Basis des Bourbon passte wunderbar zusammen mit dem bitteren Campari und der Süße des Wermut. Der Orangensaft fügte dem ganzen noch eine erfrischende Zitrus-Note hinzu. „Stimmt, das ist wirklich sehr lecker.“

Eine Weile saßen sie schweigend auf der Bank, und lauschten den Tönen der Party. Schließlich zog Adelie ihre Beine wieder an und stellte das Glas neben sich. „Die Academy Rugby Association hat sich nicht lumpen lassen was den Veranstaltungsort angeht. Ich fühle mich fast wie daheim.“

Nate lachte. „Ich hoffe, das ist ein gutes Gefühl.“

Sie kicherte. „Ja, denn hier kontrolliert niemand, ob ich mich auch ans Protokoll halte.“

„Du siehst wundervoll aus in diesem Kleid. Es steht dir ausgezeichnet.“

Sie lehnte sich leicht an ihn. „Danke dir. Ich hatte nach etwas in meinem Fundus gesucht, dass zu euren Team Anzügen passt.“

Er schlang einen Arm um ihre Taille und küsste ihre nackte Schulter liebevoll. „So ganz kannst du die Baroness dann doch nicht sein lassen, oder? Immer ein perfekt orchestrierter Auftritt, egal welcher Anlass. Dafür dass du es eigentlich nicht leiden kannst.“

Sie zuckte mit den Schultern und kickte einen Kiesel in die Wiese. „Es ist ein Unterschied ob man die Freiheit hat, selber zu entscheiden, oder ob es verlangte Pflicht ist. Ich putze mich gerne für dich heraus, aber ich tue es weil ich es will, nicht weil ich muss.“

Die Drinks waren leer, und Hand in Hand machten sie sich auf den Weg zurück zur Party. Seine Bemerkung hatte sie nachdenklich gemacht - es stimmte, eigentlich hatte sie jegliche Lust daran verloren, sich zurecht zu machen und im großen Staat aufzulaufen. Aber daheim in Eden hatte sie keinen Partner wie Nate gehabt, der sie jedes Mal mit großen Augen ansah, und ihre Bemühen offensichtlich würdigte. Für ihn schmiss sie sich gerne in Schale.

Sie hatten gerade wieder die Terrasse erreicht, als die Spieler der Auswahlmannschaft auf die kleine Bühne gebeten wurden, die an einer Seite aufgebaut war. Es war ein schöner Anblick, wie sie so da standen, ordentlich aufgereiht, in dunklen Hosen, weißen Hemden, einem dunkelblauen Jacket und goldgelben Krawatten - die Teamfarben der Westerhaven Wolves, und aktuell die Mannschaft, die sich nach 20 Jahren wieder mit dem Meistertitel belohnt hatte. Der Anlass für den Abend. Adelie platzte fast vor Stolz, als sie Nate und Jake dort stehen sah, zwei Spieler deren Leistung einen nicht unerheblichen Anteil am Gewinn der Meisterschaft hatte. Es wurde einige Auszeichnungen vergeben, und schließlich die allerwichtigste: Wertvollster Spieler der Saison. Adelie hielt den Atem an und konnte dann gerade noch einen spitzen Freudenschrei unterdrücken, als Nate gebeten wurde, vorzutreten und die Auszeichnung in Form eines kleinen, goldenen Rugbyballs anzunehmen. Ihr standen vor lauter Rührung Tränen in den Augen, so stolz war sie auf ihn.

Schließlich war auch dieser Teil des Rahmenprogramms vorbei, und die Spieler durften sich wieder unter die Gäste mischen. Nate kam auf sie zu, die Trophäe im der Hand und ein breites Grinsen im Gesicht. Von links und von rechts klopften ihm Leute anerkennend auf die Schulter, und es dauerte einen Moment bis er sie schließlich erreicht hatte.

„Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz!“ Adelie schlang ihre Arme um ihn und küsste ihn leidenschaftlicher als sie es sonst in der Öffentlichkeit tat. Außergewöhnliche Ereignisse verlangten außergewöhnliche Anerkennung, und Nate war wie immer nicht abgeneigt, mitzumachen. Er hielt sie so fest im Arm, dass sie sich fragte, ob er nicht leicht überwältigt war von allem. Schließlich brauchten sie doch Luft, aber ihre Umgebung war immer noch weit weg. Lächelnd wischte sie ihm die Spuren ihres Lippenstiftes von den vollen Lippen, während er sie mit leicht verschleierten Augen ansah. „Wow. Wenn das die Belohnung ist, dann werde ich mich nächste Saison noch mehr reinhängen.“

Sie kicherte.

Er grinste. „Babe, du musst neue Farbe auflegen. Du siehst dezent geküsst aus.“

Das war nach so einer Aktion zu erwarten gewesen, und wie der Spiegel in der Toilette offenbarte, hatte Nate tatsächlich ganze Arbeit geleistet. Der Raum war ganz in schwarzem Marmor und goldenen Applikationen gehalten und präsentierte an jeder möglichen und unmöglichen Stelle einen Spiegel. Von der Decke hing ein üppiger Kristallleuchter, der den Raum in warmes Licht tauchte. Während sie ihr Make-up auffrischte, fragte sich Adelie, ob sie jemals so etwas überbordend geschmackloses gesehen hatte. Sie zog ein letztes Mal den kirschroten Lippenstift nach, verstaute ihn in ihrer kristallbesetzten Minaudière, die auf dem Schminktisch lag und erhob sich von dem samtbezogenen Stuhl. Die übermäßig vorhandenen Spiegel im Raum ermöglichten eine Front- und Rückansicht, und sie ünerprüfte ihre Erscheinung. Die schwere Seide changierte in türkis und grün, je nachdem wie das Licht fiel, und ließ sie aussehen als würde ein Ozean sie umarmen. Das schulterfreie Kleid betonte jede Kurve schmeichelhaft ohne zu viel Rückschlüsse auf das zu geben, was sich darunter versteckte, genau richtig für eine Baroness. Der bodenlange, schmale Rock mit leichter Schleppe raschelte leise als sie der Tür zustrebte um den Ort maßlosen Kitsches zu verlassen. Sie fand Nate zusammen mit Jake neben der Bar, wo sie eine weitere Runde Sunset Sippers bestellt hatten.

„Fräulein Staffelkapitän, ich muss sagen, Sie stellen mal wieder den Rest der anwesenden Weiblichkeit in den Schatten.“ Jake verneigte sich ehrerbietig und mit einem Zwinkern vor ihr.

„Lass die Schmeicheleien, Jake.“ Sie knuffte ihn.

„Nein, ich meine das Ernst. Dieses Kleid - mir fehlen die Worte, es überhaupt zu beschreiben? So etwas hat Meadow Junction sicher noch nicht gesehen.“

„Es ist eine Kreation von Helena St. Cyr, und ursprünglich habe ich es zur Feier anlässlich des 50. Geburtstags meines Onkels getragen. Damals hat noch ein Diamanten-Collier von Beaumont das Outfit komplettiert, aber das ist leider sicher in Greenvales Schatzkammer.“

Die beiden Männer blickten sie verständnislos an.

Sie lachte, und schüttelte den Kopf in gespielter Verzweiflung. „Männer und Mode, ein hoffnungsloser Fall. Helena St. Cyr ist eine der begehrtesten Modedesignerinnen in Eden, und Beaumont ein Juwelier, der bevorzugt die High Society schmückt.”

Nate zog sie an sich. „Mir ist völlig egal, wer das Geschenkpapier entworfen hat, aus dem ich dich später auspacken darf.“

Sie lehnte sich an ihn und blickte ihn schelmisch über den Rand ihres Cocktailglases an. „Au contraire, mein Lieber - du hast wiederholt eine Präferenz für Geschenkpapier aus Helenas Atelier gezeigt.“

Jake lachte schallend. „Frauen - ihnen entgeht nichts.“

Nate drückte sie. „Natürlich entgeht ihr nichts, sie ist schließlich Adelie. Alles andere hätte mich jetzt auch gewundert. Und ich lasse mich gern von ihr verzaubern.“

Jake klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und nickte Adelie mit einem Zwinkern zu. „Dann lass ich euch mal besser weiter die Zweisamkeit genießen.“

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