Leibwachen
Henry lehnte am Stamm der alten Platane und ließ den Blick prüfend die Straße hinunter schweifen. Nichts Auffälliges zu bemerken, alles in Meadow Junction ging wie immer seinen gewohnten Gang. Alte Damen mit festbetonierten grauen Locken führten auf dem Gehweg ihre Pudel spazieren. Kleine Kinder fuhren Tretroller zwischen den Passanten, selbige als Slalomstangen missbrauchend. Grüppchen von jungen Nurses liefen Arm in Arm von Geschäft zu Geschäft, und auf der Fahrbahn des Graham Boulevards rollten einige wenige auf Hochglanz polierte Limousinen. Es war ein ruhiger Tag. Er mochte die Kleinstadt, nicht nur, weil sie es einfach machte, auf die Baroness aufzupassen. Adelie und Ophelia hatten gerade das Artist‘s Nest betreten, den kleinen Künstler-Laden den die Baroness so liebte.
„Wie viele Pinsel kann man ausprobieren?“ Salvatore hatte das Los gezogen mit in den Laden zu müssen, und schien davon nur mäßig begeistert zu sein, wie der Ton seiner Stimme in Henrys Ohrstück verriet.
„Erfahrungsgemäß verbringt Delfin circa 20 Minuten damit, Pinsel auszuprobieren, das solltest du mittlerweile wissen. Und wenn Kolibri dabei ist, verlängert sich das Prozedere um circa 10 Minuten, bis sie dann zu den Wasserfarben wechseln. Sie haben haben den Laden vor 5 Minuten betreten, du übst dich also besser in Geduld.“
Salvatore sagte daraufhin nichts mehr, und Henry grinste vor sich hin. Er hatte diesmal eindeutig den besseren Posten bezogen, und konnte vor dem Laden Leute beobachten, während er die Tür im Auge behielt. Er mochte den Job, das jüngste Fräulein Klaiber zu bewachen. Meadow Junction und die Westerhaven Akademie verlangten keine schwarzen Anzüge und Kravatten, sondern meistens legere Jeans und T-Shirt, oder so wie heute, dunkle Slacks und ein Hemd. Die meiste Zeit befanden sich durchtrainierte Kadetten um Adelie herum, die es etwaigen Aggressoren schwer machen würden. Und dann gab es da noch Nathan Havisham, Codename Schwan, der niemanden an Adelie heranließ der auch nur ansatzweise so aussah als könnte seine Angebetete Schaden erleiden. Es war ein running gag unter den Sicherheitsleuten, dass sie seit dem ersten Kuss zwischen den beiden nur noch Teilzeitkräfte waren.
„Delfin hat den Plan geändert,“ Salvatores Stimme ertönte wieder in seinem Ohr. „Beziehungsweise, Schneeeule hat angerufen, und das hat den Plan geändert. Sie treffen sich in 10 Minuten im Café Schmitt.“
Henry seufzte. Adelies deutlich spontaneres Leben im Vergleich zu ihrer Rennkarriere oder ihren Pflichten daheim in Eden bedeutete, dass man sich schnell auf neue Gegebenheiten einstellen musste. „Verstanden. Ich gehe schonmal vor und sichere einen Tisch.“
Er liebte den Job als Adelies Leibwächster auch, weil Adelie sich immer an die Spielregeln hielt. So betrat sie als erste die Terrasse, gefolgt von ihren beiden Freundinnen, entdeckte ihn und nickte ihm zu, und setzte sich dann so, dass er sie gut im Blick hatte. Leslie, die Schneeeule, sah etwas mitgenommen aus, und Ophelia und Adelie kümmerten sich rührend um sie. Salvatore hatte hinter den Damen die Terrasse betreten, und setze sich nun zu ihm.
„Was ist passiert?“ wollte Henry wissen. Bevor Salvatore antworten konnte, erschien die Bedienung, und stellte eine Karaffe Wasser, 2 Espressi sowie eine Platte mit belegten Broten hin. Fräulein Klaiber hatte sich wie immer nicht lumpen lassen, eine weitere Sache, die Henry sehr an ihr schätzte.
Salvatore nahm einen großen Schluck Wasser, bevor er antwortete. „Frag mich etwas einfacheres. Das Instacom klingelte, Delfin machte ein ernstes Gesicht, sagte „Wir kommen.“ und hat Kolibri Richtung Kasse gelotst. Aber du kennst die Schneeeule, sie hat nicht den einfachsten Job. Vielleicht war ihr Vorgesetzter wieder ein Ekel.“
Henry nickte, und beschäftigte sich mit einem der üppig belegten Brote, während er ein wachsame Auge auf die hübsche Baroness hatte. Nicht, dass Adelie Klaiber hier in diesem entlegenen Winkel der Galaxis in ernster Gefahr schwebte. In Meadow Junction wusste niemand wer sie war, und Paparazzi, die sie auf Schritt und Tritt verfolgten, gab es auch keine. Doch das Protokoll und ihr beträchtliches Vermögen verlangten ein gewisses Maß an Schutz, und so folgten ihr immer mindestens 2 Leibwächter wenn sie unterwegs war.
„Du machst diesen Job schon lange, nicht wahr?“, fragte Salvatore unvermittelt.
„Delfin hat mich vor etwa 7 Jahren ausgewählt um sie auf ihre Rallye Rennen zu begleiten, ja. Und wir haben uns sofort gut verstanden, sie besteht deswegen darauf, dass ich wenn immer möglich in ihrer Nähe bin. Genauso wie ihr alle anderen auch persönlich von ihr ausgewählt seid. Sie ist sehr eigen wenn es darum geht, wen sie in ihr Team aufnimmt. Frag Logan, der kann dir ein Leid davon klagen, wenn es darum geht, frische Gesichter aus Eden hier her zu holen.“
Salvatore machte große Augen. „Sie wählt aus?“
Henry lachte. „Oh ja. Lässt sich von Logan alle Dossiers geben, und entscheidet dann, wer die nächsten 6 Monate mein Sidekick sein darf. Sie weiß alles über dich, sogar deine Unterhosengröße.“
Der jüngere Mann erbleichte etwas. „Ich hatte keine Ahnung, ich habe mich nur beworben, weil es mal was anderes war als den Rest der Familie zu irgendwelchen Benefizgalas zu begleiten.“
Henry nickte versonnen. „Ja, ihre Verwandtschaft ist etwas langweilig im Vergleich zu ihr. Delfin zu bewachen hieß und heißt immer noch sehr viel Action. Und spontan muss man auch sein, kein Tag ist wie der andere. Struktur gibt nur ihr Stundenplan vor, und manchmal habe ich den Eindruck, sie genießt es, dass sie Logan etwas damit triezen kann. Er ist ihr Sicherheitschef seit dem sie 6 Jahre alt ist - die beiden haben eine spannende Ersatzvater-Wahltochter-Dynamik.“
Salvatore blickte nachdenklich zu dem Tisch der drei Damen hinüber. „Das hätte ich ihr alles gar nicht zugetraut. Ich wusste nur, dass sie die wildere Version ihrer Schwester ist. Das hörte sich aufregend genug an, um an die andere Seite der Galaxis zu reisen.“
Sie hatten die Brote aufgegessen, und die Karaffe gelehrt, als Nathan Havisham die Terrasse betrat, und sich zu seiner Freundin und ihrer Begleitung wandte. Die Damen begrüßten ihn, Adelie natürlich etwas zärtlicher als die anderen. Henry war gespannt, was sein Auftauchen bedeutete, ob er sich hinsetzen würde, oder ob der ursprüngliche Plan, nach Wild Sage Acres zu fahren, noch Bestand hatte. Nate setzte sich nicht hin, aber Adelie stand auf und verabschiedete sich mit Küsschen von ihren Freundinnen. Wild Sage Acres, wir kommen, dachte Henry.
Sie folgten dem Paar mit einem gewissen Abstand, weit genug um nicht mehr zu verstehen, was sie sagten, aber nah genug um schnell eingreifen zu können, sollte Adelie Hilfe benötigen. Sie hatte ihren Arm um Nates Taille geschlungen, und er seinen um ihre Schultern gelegt. Henry mochte Nate, nicht nur, weil er groß und kräftig war, sondern auch, weil er sehen konnte, wie sich die Baroness in seiner Anwesenheit entspannte. Es war, als würden Schichten von ihr abblättern, und es erfreute ihn zutiefst, sie so glücklich zu sehen. Kein Vergleich mehr zu der verunsicherten, unglücklichen jungen Frau, die Hals über Kopf Eden verlassen hatte, weil ein Idiot geglaubt hatte, via Hochzeit einfach an ihr Geld zu kommen. Es hatte Henry geschmerzt, sie so zu sehen, als wäre jeder Funke Leben in ihr erloschen. Bis die Zusage von Westerhaven kam, dass sie in die Akademie aufgenommen worden war, hatte sie Greenvale Park nur verlassen, um ihren Bruder im Krankenhaus zu besuchen. Dieser schwesterlichen Pflicht kam sie täglich nach, aber danach fiel sie wieder zusammen und saß blass und schweigend im Fond der Limousine. Es war gräßlich mit anzusehen. Erst mit der Akademie kam wieder Farbe in ihr Gesicht, und mit Nate offensichtlich auch ein Partner der ihr die Liebe und Stabilität gab, die sie brauchte.
Über seinen Gedanken hatte das Paar Adelies Sportwagen erreicht. Adelie stoppte und drehte sich suchend um, bis sie Henry entdeckte und ihn zu sich heranwinkte. Salvatore folgte respektvoll drei Schritte dahinter.
„Henry.“
„Fräulein Klaiber, was kann ich für Sie tun?“
Sie lächelte ihr feines Baronessen-Lächeln. „Wir fahren jetzt zur Farm und ich werde das ganze Wochenende dort bleiben. Sie können ihre Kollegen in Residential Security darüber informieren und dann Feierabend machen.“
Henry nickte. „Dann Montag wie immer?“
„Montag, wie immer.“