Findelkind (1)
Es regnete in Strömen, als Adelie an der Turnhalle vorbei Richtung Parkplatz eilte. Sie hatte schon nasse Füße, weil die hübschen Ballerinas kein Schuhwerk für Westerhavens berüchtigte sommerliche Platzregen waren. Gerade als sie die Müllsäcke umrundete, die schon für die Abfuhr am nächsten Tag bereit standen, vernahm sie ein jämmerlich-klagendes Geräusch, dass ihr eine Gänsehaut über den Rücken sandte. Zwischen einigen Müllsäcken raschelte es, und sie trat näher, als sie das Jammern erneut vernahm. Sie versuchte, in dem Chaos etwas zu erspähen, und als einer der Müllsäcke wackelte, zog sie ihn beiseite. Ein klägliches Maunzen ertönte, und dann tauchte ein kleines, sehr nasses, schwarzes Kätzchen auf. Es sah Adelie und krabbelte zielstrebig über die Säcke zu ihr hin, um maunzend um ihre Beine zu streichen.
„Wer bist du denn, hm?“ Sie bückte sich und hob das Kätzchen hoch. Es war ein Fliegengewicht, mit dreckigem Fell und es roch leicht nach Fisch. „Ich glaube, ich nehme dich besser mit heim, du siehst so kläglich aus, ich kann dich unmöglich hier lassen.“ Wie zur Bestätigung kuschelte sich das Tier in ihre Armbeuge, als wäre es völlig einverstanden mit ihrem Plan, es in trockene Wärme zu bringen. Langsam selbst durchweicht, machte sich Adelie wieder auf den Weg zu ihrem Auto. Der schwarze ELF Sportwagen stand auf dem Studentenparkplatz, und sah selbst wie eine große schwarze Katze aus. Allerdings keine freundliche.
Adelie warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz und stieg samt Kätzchen ein. „Okay, Mietzi, du musst jetzt hier sitzen bleiben.“ Sie setzte das Tier neben die Tasche und hoffte inständig, dass es dort bleiben würde und nicht anfing, während der Fahrt den Innenraum zu erkunden. Zum Glück waren die Ledersitze schwarz und pflegeleicht. Sie aktivierte die Sitzheizung, in der Hoffnung, dass ein warmer Sitz einladend genug war, um keine Erkundungen zu beginnen. Ihr vierbeiniger Fahrgast beschnupperte ihre Tasche, den Sitz und rollte sich dann genau da zusammen, wo es auf der Sitzfläche am wärmsten war. Lächelnd betrachtete Adelie das kleine Fellknäuel, dann steuerte sie den ELF Richtung Zuhause.
Dort angekommen, verfrachtete sie sich und die Katze ins Badezimmer. Während sie sich aus ihrer feuchten Kleidung schälte, erkundete Mietzi den Raum. Nachdem Adelie sich ihren flauschigen rosa Hausanzug angezogen und die feuchten Haare in einen Pferdeschwanz gebunden hatte, pflückte sie das Kätzchen hinter der Toilette hervor. „Wo willst du denn hin, hm? Ich glaube, wir baden dich jetzt erstmal, du stinkst als hättest du in einer Sardinendose übernachtet.“ Auf Grund seiner Größe war das noch nichtmal so unwahrscheinlich, es war winzig und passte noch gut in eine Hand. Sie ließ lauwarmes Wasser ins Waschbecken laufen und suchte unparfümierte Seife - ihre Erfahrungen mit Hündin Snoot hatten ihr gezeigt, dass Tiere nicht die größten Beführworter von künstlichen Duftstoffen waren, schon gar nicht an ihnen selbst. Mietzi war nicht begeistert darüber was Adelie ihr antat, und fauchte leise, ließ sich aber trotzdem widerstandslos einseifen und abspülen. Anschließend wickelte sie die tropfende Katze in ein großes, weißes Handtuch und nahm sie mit ins Wohnzimmer. Sie setzte sich mit ihrer bedröppelt aus der Wäsche schauenden Fracht aufs Sofa, und rieb sie trocken. „Schau, war gar nicht so schlimm. Und nun riechst du wieder gut.“ Sie streichelte vorsichtig mit der Fingerspitze über das Köpfchen, und freute sich daran, dass sich die bernsteingelben Augen zufrieden schlossen.
Zu ihrem Erstaunen vergrub sich Mietzi dann erstmal in ihrem Handtuch wie in einem großen weichen Nest, rollte sich zusammen und schlief fast sofort ein. Adelie fragte sich, wann das Kätzchen wohl das letzte Mal so kuschelig geschlafen hatte. Vorsichtig lupfte sie einen Zipfel Handtuch und deckte sie zu. Dann machte sie ein Foto und schickte es Nate mit den Worten: „Ich habe einen neuen Mitbewohner, Hilfe!“
Fast sofort klingelte ihr InstaCom mit seiner Nummer. „Babe, wieso hast du auf einmal ein Kätzchen?“
„Gefunden, zwischen Müllsäcken im Regen, ich konnte es unmöglich da lassen. Es sieht auch nicht so aus als hätte es ein Zuhause, es ist schrecklich dünn.“
Für einen Moment war es still in der Leitung, dann sagte Nate: „Du und dein großes Herz. Ich geh mal gucken ob Eddie irgendwo ein altes Katzenklo rumstehen hat aus der Zeit als Snoot noch ein Welpe war. Und du gehst jetzt schnell zu Kelmendi und kaufst Katzenfutter und Streu. Wenn er wach wird, wird dir der Zwerg wahrscheinlich die Wohnung auseinandernehmen wollen, du beeilst dich besser.“
„Zu Befehl.“
„Bin gleich bei dir.“ Er legte auf, und Adelie suchte ihre Schuhe. Nate hatte als kleiner Junge eine Katze besessen, er wusste bestimmt wovon er sprach. Gegen ihre Gewohnheit rannte sie im Hausanzug durch den Regen zu Frau Kelmendis kleinem Laden gegenüber, und besorgte, was Nate ihr aufgetragen hatte. Als sie wieder durch ihre Türe trat, sah sie Nates Motorradstiefel an der Tür stehen und entspannte sich.
„Schatz?“ rief sie in ihre Einzimmerwohnung, während sie aus ihren Galoschen schlüpfte.
„Ja, bin da.“ Sie fand ihn vor dem Sofa kniend und das schlafende Kätzchen betrachtend. „Du meine Güte, es ist so niedlich.“
„Und es schläft immer noch. Es muss ziemlich fertig sein.“
Er stand auf und zeigte ihr in der Küche, was er mitgebracht hatte. Eddie hatte tatsächlich noch ein Katzenklo gehabt, also füllten sie die Streu hinein, die Adelie gerade gekauft hatte. „Du wirst ein paar Mal zeigen müssen, wofür das gut ist, einfach ein Auge draufhaben, und schnell reinsetzen. Sie begreifen das fix.“
Als Mietzi wach wurde, fütterten sie sie und zeigten ihr das Katzenklo im Badezimmer. Dann machte sich das Kätzlein auf, Adelies Wohnung zu erkunden. Sie beschüffelte den Schreibtischstuhl und fand ihn uninteressant, genauso wie die weißen Laternen vor dem bodentiefen Fenster. Das Sofa wurde erklommen und Adelie hoffte, dass die scharfen Krallen keine dauerhaften Spuren hinterließen. Nate setze sich dazu und griff sich das Katzenkind mit geübtem Griff. „Na du kleiner Racker?“ Mietzi legte den Kopf schief und saß abwartend auf seiner breiten Brust. „Darf man dich streicheln?“ Versuchsweise kraulte er hinter einem Öhrchen, das Resultat war lautes Schnurren und eine Katze, die es sich auf ihm bequem gemacht hatte. Adelies Herz schmolz dahin. „Du kriegst auch wirklich jede rum, selbst die wildesten Miezen.“
Er lachte rumpelnd. „Du übertreibst.“
Adelie kuschelte sich an ihn und betrachtete das kleine Biest, dass ihr den Mann streitig machte. „So war das aber nicht abgemacht meine Liebe, als ich dich eingesammelt habe.“ Vorsichtig kraulte sie unter dem winzigen Kinn und Mietzi schloss genießerisch die Augen.
„Wirst du sie behalten?“ Nate stellte die Frage, die schon die ganze Zeit in ihrem Kopf herumgeisterte.
„Ich weiß es nicht.“
(Fortsetzung folgt)