Sommerabend auf der Farm

Das rote Motorrad nahm die langgezogenen Kurven mit geübtem Schwung. Die Landstraße schmiegte sich an die sanften Hügel, deren Wiesen sich mit langen, goldenen Halmen im späten Nachmittagslicht wiegten. Sie zogen sich von Meadow Junction bis zum Echogebirge, wo sie sich irgendwann mit den Ausläufern des Gebirges vereinigten. Die Maschine schnurrte wie eine große Katze, und Nate spürte den Fahrtwind im Gesicht und den Schweiß unter dem Helm. Es war ein heißer Tag gewesen, und vom Asphalt und vom Tank strahlte noch mehr Wärme. Doch da war schon das große, rote Tor, das den Weg nach Wild Sage Acres wies. Er bog in die mit Kies bestreute Einfahrt und lies ausrollen. Wild Sage Acres hatte viele Bewohner, manche mit zwei und viele mit vier Beinen, und man konnte nie wissen, wer gerade im Hof unterwegs war. Wie zur Bestätigung dieses Gedankens thronte Madame Ellie, die getigerte Scheunenkatze, auf der Haube des ausrangierten Treckers und beobachtete die Schar brauner Hühner, die im Hof scharrten. Snoot, die schwarze Hündin, lag auf der Veranda und sprang auf, als sie Nate auf dem Motorrad sah. Madam Ellie verschwand daraufhin wie der Blitz im Dämmerdunkel der Scheune. Nate grinste. Endlich daheim. „Na Snoot, du bist doch sonst nicht so der Katzenschreck?“

Er tätschelte dem schwanzwedelnden Hund den Kopf und linste in die Scheune, doch Eddie war nirgends zu sehen. Ein Blick auf den Fuhrpark zeigte, dass der Werkstatt-Pritschenwagen fehlte - vielleicht war er auf einen kurzfristigen Kundenbesuch gefahren. Er schob das Motorrad zu den anderen, hing den Helm über den Lenker und ging dann über den Hof zum alten Bauernhaus. Er hatte das Gefühl, dass die Jeans an seinen Oberschenkeln klebten. Schon das Verandavordach begrüßte ihn mit freundlichem Schatten, und hinter der dicken Eichentüre nahm ihn angenehme Kühle in Empfang. Snoot presste sich an ihm vorbei in den dämmrigen Hausflur und legte sich hechelnd auf den kalten Fließenboden. Nate bog erstmal in sein Zimmer ab und zog sich Shorts und ein frisches T-Shirt an. Das fühlte sich schon besser an. Dann lief er barfuß in die Küche und holte sich eine kalte Limonade aus dem Kühlschrank. Ah, das tat gut nach der warmen Fahrt. Snoot war ihm gefolgt, und er füllte ihren Napf mit frischem Wasser, welches sie eifrig aufschlabberte. „Es ist ganz schön heiß heute, und du mit deinem dicken Fell…“ Er tätschelte dem Hund den Rücken. Ein Blick aus dem Küchenfenster zeigte, dass nicht nur Mensch und Tier Abkühlung benötigten, der gesamte Gemüsegarten lag leicht welk in der Sonne. „Oh-oh, ich glaube, Eddie hat heute früh vergessen zu gießen.“

Nate öffnete die Tür zur hinteren Veranda und trat die ausgetretenen Holzstufen hinunter in den Garten, Snoot auf dem Fuße. Er betrachtete die Hündin, und auch wenn er wusste, dass sie nicht antworten würde, fragte er sie: „Warst du den ganzen Tag allein? Du bist doch sonst nicht so anhänglich.“ Für einen Moment nahm er sich die Zeit und kraulte sie hinter dem Ohr, und sie lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht an ihn. „Feines Mädchen, aber jetzt komm, wir müssen gießen.“

Er zog dem Gartenschlauch unter der Veranda hervor und drehte den Hahn auf. Kaltes Wasser spritzte, und Snoot bellte begeistert. Mit einem Schlenker sprühte er sie ein bisschen an, nasses Fell war bei dieser Hitze sicher angenehm. Die Sonne stand schon tief, er konnte gießen ohne Angst haben zu müssen, dass die nassen Blätter verbrennen würden. Beet für Beet ging er methodisch durch den Garten und tränkte den trockenen Boden reichlich. Eddie musste wirklich am Morgen vergessen haben, zu gießen. Bald roch es nach nasser Erde und nassem Grün. Schließlich war jedes Beet versorgt, und er drehte die Düse auf einen schmaleren Strahl. „Hey, Snoot!“ Die Hündin war begeistert, dass sie mit dem Wasser spielen durfte, aber Nate war besorgt, dass sie überhitzt war und nicht genug getrunken hatte. Wo war Eddie?

Zusammen mit einer nassen Snoot drehte er eine Runde um Haus und Hof, um dann die Küchenabfälle zu holen um die Hühner in ihren Stall zu locken. Snoot tat ihr Bestes, ihre gefiederten Freunde in die richtige Richtung zu lotsen. Chickie war es irgendwann zu bunt und flatterte auf Snoots Rücken, die daraufhin wie erstarrt stehen blieb. Nate musste erstmal herzlich lachen, dann scheuchte er das Huhn davon und ins Gehege, wo er dann das Futter verteilte. Nachdem er die Tür ordentlich geschlossen hatte, wandte er sich wieder dem Haus zu. Snoot legte sich wieder auf die Veranda, die Ankunft ihres Herrchens erwartend. Nate wusste, dass sie keinen Unfug machen würde, und strebte der Dusche zu, um endlich den Schweiß und Staub des Tages abzuwaschen. Er hatte schon wieder ein T-Shirt durchgeschwitzt.

Als er zurück in sein Zimmer kam, fand er das Shirt in dem Adelie die Nacht geschlafen hatte, noch auf seinem Bett liegen. Er hatte es ihr gegeben, weil sie spontan beschlossen hatte, zu bleiben. Es trug noch immer den zarten Duft ihres Körpers, und kurzer Hand zog er es an.

Snoot bellte. Snoot bellte sonst nicht, deswegen beschloss er nach dem Rechten zu sehen. Sie stand schwanzwedelnd auf der Veranda und starrte die Auffahrt hinab, und er konnte Motorenbrummen hören. Aber das war nicht Eddies Werkstattwagen, oh nein. Dazu war es viel zu laut. Er grinste und lehnte sich an den Verandapfosten, als ein schwerer, schwarzer Sportwagen in den Hof rollte. Der Motor erstarb und plötzlich war das Grillenzirpen dreimal so laut. Die Tür öffnete sich, und der schönste Anblick den er sich an diesem Abend vorstellen konnte, entstieg dem schwarzen Wagen: Adelie. Sie trug ein weit geschnittenes, knielanges Kleid aus einem teuer schimmernden, gelben Stoff, und steckte sich gerade ihre Sonnenbrille in die kastanienbraunen Locken. Snoot sprang um sie herum.

„Snoot, Süße, ist ja gut, ist ja gut.“ Adelie knuddelte den aufgeregten Hund. Dann beugte sie sich in ihr Auto, eine Tätigkeit die Nate freien Blick auf ihre langen, wohlgeformten Beine erlaubte, und zog eine braune Papiertüte heraus. Er trat die Stufen hinab und begrüßte sie.

„Hallo schöne Frau, was verschafft mir die unverhoffte Ehre deiner Anwesenheit? Ich dachte, du hast Studentenratssitzung.“

Sie trat auf ihn zu, die Papiertüte in einer Hand schlenkernd, und küsste ihn zur Begrüßung. Adelie roch immer gut, heute zart nach Jasmin und Vanille. „Ich dachte auch, dass wir Sitzung haben, aber die Klimaanlage im Kollegiengebäude war anderer Meinung. Totalausfall. Sitzung vertagt. Ich dachte, ich komme vorbei und bringe Essen vom Goldenen Lotus mit.“

Er zog sie wieder an sich und lehnte seine Stirn an ihre. „Mein Engel. Mein Engel der mir was zu Essen bringt - dich schickt der Himmel. Ich kam heim zu einem durstigen Hund, einem vertrockneten Gemüsegarten und freilaufenden Hühnern… ich musste hier erstmal wieder für Ordnung sorgen. Ich habe keine Ahnung wo Eddie steckt.“

„Es ist nach Sieben, das ist wirklich merkwürdig.“ Sie hakte sich bei ihm ein, und Arm in Arm liefen sie zum Haus. Die mittlerweile angenehme Abendluft erlaubte ein Abendessen auf der Küchenveranda ohne zu Schmelzen, und sie saßen gerade bei einem Glas Wein und schauten dem Mond beim Aufgehen zu, als endlich Eddies Wagen auch in den Hof rollte. Ein sichtlich erschöpfter Mann stand schließlich in der Küchentür.

„Eddie!“ Adelie, mit ihrer weiblichen Intuition, war sofort aufgesprungen und hatte einen Stuhl herangezogen. „Setz dich. Möchtest du was essen? Wir haben noch reichlich gebratene Pekingente mit Hoisin Sauce, gedämpfte Teigtäschchen mit Gemüse- und mit Fleischfüllung, sowie Mangopudding übrig.“

Eddie sank in den Sessel und Nate holte ihm ein Glas kaltes Wasser. „Wo hast du gesteckt Mann, du siehst erschlagen aus.“

Er nahm einen Schluck und sagte dann. „Adelie, gerne nehme ich noch etwas zu essen, ich bin seit heute früh um 10 unterwegs. Eines der Fördergeräte in den Minen in der Nähe von Birchwood Grove hatte eine Fehlfunktion und musste dringend repariert werden, und ich war der einzig verfügbare Mechaniker weit und breit. Der eigentlich Zuständige ist gerade gestern auf Heimaturlaub geflogen.“

Adelie füllte ihm einen Teller mit den leckeren Resten, und Nate berichtete von seinen Tätigkeiten rund um Haus und Hof. Eddie aß und trank und lächelte. „Es ist eine Freude zu wissen, dass du hier so mitmachst, Nate. Wirklich. Du bist der beste Untermieter, den man sich vorstellen kann.“

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Findelkind (2)