Katzenmutter

Ophelia radelte leise vor sich hin pfeifend Oak Avenue entlang. Die Straße trug ihren Namen zu recht, denn links und rechts der Fahrbahn standen alte, mächtige Eichen, durch deren Blätter die das Sonnenlicht des Spätnachmittags filterte und scheckige Muster auf die Straße und Bürgersteige malte. Zwischen alten Rhododendren und üppig blühenden Rosenbüschen standen mindestens so alte Villen, versteckt hinter Gartentoren die von steinernen Löwenstatuen bewacht wurden. Oak Avenue mündete in Birch Lane, und hier wechselte die Szenerie. Die Häuser waren immer noch alt, aber die Grundstücke nicht mehr so groß, die Gärten weniger gepflegt, dafür sah man mehr Kinderspielzeug auf den Rasenflächen. Es gab keine Löwenstatuen, dafür die eine oder andere dicke Hauskatze, die mit wachsamen Augen von den Veranden die Straße beobachteten.

Sie trat kräftiger in die Pedale, denn ihre eigene Katze wartete sicher schon sehnsüchtig auf ihre Rückkehr. Bald schon erreichte sie ein blau gestrichenes Haus, das die Akademie zu kleinen Wohnungen umgebaut hatte, und diese nun an Studenten vermietete. Ophelia stieg vom Rad und schob es in den Fahrradschuppen. Die Haustür quietschte leise und im Treppenhaus roch es wie immer nach Zwiebeln. Irgendwo dudelte gedämpft ein Radio.

Sie schloss ihre Wohnungstür auf und betrat ihre Wohnküche, in die durch ein großes Fenster Sonnenlicht auf einen wild gemusterten Teppich fiel. Das Kochgeschirr des Abendessens wartete immer noch in der Spüle auf sie, und auf ihrem Esstisch stapelten sich die Bücher der heutigen Klausur. Egal. Es gab jemanden wichtigeres. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer und fand Mietzi zusammengerollt auf dem Bett, tief und fest schlafend. Natürlich lag sie nicht auf der Decke, die ihr Ophelia extra hingelegt hatte, oder im Katzenbaum neben dem Kleiderschrank, sondern auf dem Kopfkissen. Seit sie bei Ophelia eingezogen war, hatte sie ordentlich zugelegt und war auch ziemlich gewachsen, so dass sie nun wirklich ein kleiner, schwarzer Wonneproppen war. Das Fell war dichter und glänzender geworden, und man spürte auch auch keine Rippen mehr, wenn man sie streichelte. Lächelnd lehnte Ophelia die Tür wieder an und kümmerte sich um ihren Abwasch. Küchenlärm würde sie schon aufwecken, wenn es der Schlüssel im Schloss nicht schaffte. Und tatsächlich, mit der letzten Schüssel die sie auf das Abtropfgestell stellte, strich etwas maunzend um ihre Beine.

„Na du Schlafmütze?“ Sie hob das Katzenkind hoch und zufrieden kuschelte es sich in ihren Arm, nachdem sie sich einen Nasenstubs zur Begrüßung gegeben hatten. Nun war erstmal ausgiebiges Streicheln und Kraulen gefragt, und Ophelia setzte sich auf ihr rotes Küchensofa, um genau das zu liefern. Mietzi schnurrte wie ein kleiner Motor und vibrierte mindestens so stark. Nach exakt 20 Minuten hatte sie aber genug und sprang von Ophelias Schoß, um mit aufgestelltem Schwänzchen den Futternapf zu inspizieren - der unerhörter Weise noch leer war. Ophelia wurde mit einem lautstarken Miau mitgeteilt, dass dies sofort zu ändern wäre.

„Ja, ja - ich komm ja schon.“ Sie holte eine Dose Katzenfutter aus dem Küchenschrank ohne über die Katze zu fallen, die ihr unablässig um die Beine strich. Als sie die Dose öffnete, sprang Mietzi auf die Arbeitsplatte. „Nein, runter.“ Ophelia nahm sie, und setzte sie wieder nach unten. Ein leises Fauchen war die Antwort. Keine 10 Sekunden später war sie wieder oben. Es war ein Spiel dass sie gerade jeden Tag spielten. „Nein, Mietzi. Du hast hier oben nichts zu suchen.“ Sie beförderte den beleidigten Vierbeiner wieder auf den Boden. „Nein. Denk erst gar nicht daran.“

„Miau.“ Grüne Katzenaugen blickten indigniert nach oben.

„Du brauchst gar nicht so zu tun. Du weißt es besser.“ Dann hatte sie endlich den Inhalt der Dose in den Futternapf gefüllt und stellte es ihr an ihren Platz. Mietzi schnurrte zufrieden.

Ophelia wandte sich ihrem Ess- und Schreibtisch zu und räumte die Bücher der gestrigen Lernsession zusammen. Nachdem wieder alles an seinem Platz war, wärmte sie sich ihr Abendessen auf, Gumbo vom Vorabend, und dankte der Ophelia aus der Vergangenheit für das Vorsorgen. Der Tag war anstrengend gewesen, mit vielen Vorlesungen, der Klausur und dann noch Wartungsdienst für die Albatross Stingrays. Sie war froh, dass sie heute einfach nur die Füße hochlegen konnte. Mietzi hatte es sich im Sonnenfleck auf dem Teppich bequem gemacht und putzte sich. Ophelia setzte sich mit ihrer Schüssel auf das Sofa, löffelte ihr Gumbo und sah ihrer Mitbewohnerin bei der Fellpflege zu. Draußen vor dem Fenster konnte sie die Nachbarskinder Piraten spielen hören, über ihr übte Miu Klavier. Schließlich hatte Mietzi ihre Fellpflege beendet und sich neben ihr zusammengerollt um weiter zu schlafen. Die Chance, endlich ihren Altar neu aufzustellen, der auf das höchste Regalbrett und außerhalb der Reichweite des neugierigen Katzenkindes gezogen war. Aber Ophelia hatte bisher keine Zeit gehabt, ihn wieder richtig einzurichten, nachdem sie sich so hastig auf Mietzis Ankunft vorbereitet hatte.

Sie holte einen Korb um die Statuen der Loas und all die anderen Dinge, die einen Platz dort hatten, einzusammeln, und staubte zuerst das Regalbrett ab. Dann setzte sie Papa Legba, den Hüter der Wegkreuzungen, in die Mitte und stellte weiße Kerzen links und rechts von ihm auf. Daneben kam ihr Amethyst für Kreativität und das Bild ihrer Großmutter. Auf der anderen Seite platzierte sie den kleinen Spiegel, der den loup garou abwehren sollte, auch wenn sie sich sicher war, dass es auf Westerhaven keine Werwölfe gab. „Siehst du Mémé, ich nehme es ernst,“ sagte sie zum Bild ihrer Großmutter, die dort gütig lächelte. Schließlich stellte sie noch das Familienfoto von ihrem letzten Besuch in der Heimat auf die eine, und die Statue von Saint Expedite, dem Loa des Problemlösens, auf die andere Seite. Viel besser. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.

Ein Stups gegen ihr Bein erinnerte sie an Mietzi, die ihren Ball angeschleppt hatte. „Mau?“

„Willst du Ball spielen, hm?“ Sie streichelte das Kätzchen am Kopf, wieder einmal glücklich, dass Adelie das Tierlein nicht seinem Schicksal im Regen überlassen hatte. Sie rollte den Ball in Richtung Spüle, und Mietzi flitzte hinter her. Für eine Weile flipperten sie den Ball über den Küchenfussboden, bis Mietzi müde gespielt war und sich wieder in ihre Ecke auf dem Sofa verzog. Ophelia grinste und setzte sich an ihren aufgeräumten Tisch um sich für den morgigen Tag vorzubereiten. Aber dann lag Mietzi so süß da, dass sie doch erst ein Foto machen musste und es Adelie schickte, mit den Worten: „Dein Patenkind ist heute mal wieder Zucker pur.“

Dann machte sie sich ein großes Glas Eistee, und lernte bis es draußen dunkel wurde.

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Sommerabend auf der Farm