Findelkind (2)

„Wie, du hast eine Katze adoptiert?“ Ophelia sah Adelie and und versuchte herauszufinden, ob ihre Freundin ihr nicht stattdessen einen Bären aufbinden wollte.

„Ich habe sie nicht adoptiert, ich habe sie einfach nur erstmal gerettet. Saß zwischen Mülltüten im Platzregen am Montag, und sah halbverhungert aus. Ich konnte sie unmöglich dort zurücklassen.“ Adelie machte ein unglückliches Gesicht, ihre apart geschwungenen Brauen zusammengezogen und ihre Stirn in Falten gelegt. „Sie ist unglaublich niedlich, und sehr zutraulich, aber ich kann gerade mal eine Orchidee am Leben erhalten, ich weiß nicht, ob ein Haustier das richtige für mich ist. Und ich bin soviel unterwegs…“

„Du hast eine Katze!“ Ophelia konnte ihre Begeisterung darüber fast nicht zügeln. „Ein Katzenbaby! Darf ich es sehen?“

Ihre Freundin blickte sie zuerst verwundert an, dann lachte sie. „Natürlich, komm mit.“

Kurze Zeit später standen sie vor Adelies geschlossener Badezimmertür. „Nate meinte, es sei besser, sie da drinnen einzusperren, so nimmt sie mir nicht die ganze Wohnung auseinander und aufgewischt ist auch schnell. Aber ich habe keine Ahnung, was uns jetzt erwartet.“

Vorsichtig öffnete sie die Tür. Ein kleines, tatsächlich sehr dünnes Kätzchen ruhte mit untergesteckten Pfötchen auf dem plüschigen Badewannenvorleger, und drehte das Köpfchen, als die Tür aufging.

„Oh mein Herz, wie niedlich kann man sein?“ Ophelia ging in die Knie und streckte die Hand aus, um sie schnuppern zu lassen. „Ich verstehe vollkommen, dass du sie mitgenommen hast, sie ist wirklich reinster Zucker.“

Adelie kicherte. „Zu dem Zeitpunkt war sie völlig dreckig und roch nach Fisch. Ich habe sie erstmal gebadet. Davon war sie dann so fertig, dass sie 2 Stunden geschlafen hat.“

Ophelia streichelte über den Rücken und spürte das Rückgrat. „Sie ist wirklich sehr abgemagert. Da wirst du ganz schön päppeln müssen.“

„Ja, das werde ich.“ Adelie seufzte und nahm das Katzenkind hoch. „Zeit für die Fütterung des Raubtieres.“ Sie wurde mit einem Nasenstubser begrüßt. „Niedlich sein hilft da auch nicht, Mietzi. Du bist zwar unglaublich lieb, aber ich bin mir nicht sicher, ob du und ich zusammenpassen.“

Ophelia folgte der Freundin in ihre winzige Küche. Adelies sonst so makellose Wohnung sah heute deutlich chaotischer aus als sonst. Es lag Katzenspielzeug herum, auf dem Sofa lag eine Decke die offenbar nur für die Katze dort lag, und jeglicher Nippes war verschwunden. Gemeinsam beobachteten sie, wie Mietzi ihr Futter inhalierte und sich dann auf einen Erkundungsrundgang durch die kleine Einzimmerwohnung machte. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass dort alles in Ordnung war, wandte sie sich Ophelia zu, sie war neu. Ophelia setzte sich auf den Boden, und erlaubte dem Kätzchen, in ihren Schoß zu klettern. „Du bist ja ganz schön furchtlos.“

„Wie gesagt, sie ist sehr zutraulich. Kam sofort auf mich zu und ließ sich hochnehmen.“ Adelie setzte sich dazu und betrachtete amüsiert, wie Ophelia ein Stoffmäuschen vor Mietzis Nase baumeln ließ und dann davon warf. Wie ein geölter Blitz sauste die kleine Katze hinterher, um dann triumphierend mit der „erlegten“ Maus zurückzukehren. „Das kann sie stundenlang spielen.“

Mietzi war sehr begeistert von Ophelia, und schlief schließlich in ihrem Schoß ein. Adelie brachte ihr, bewegungsunfähig wie sie nun war, ein Glas Limonade. „Das ist das allerschlimmste - wenn sie auf dir einschläft, und du dich unmöglich bewegen kannst, weil sie sonst aufwachen würde.

Ophelia lachte leise und streichelte liebevoll über das Köpfchen. „Ich liebe es. Ich bin ein bisschen neidisch, dass du so eine süße Mitbewohnerin hast.“

Ihre Freundin setzte sich dazu und betrachtete die schlafende Katze. „Sie vertraut dir. Ich vertraue dir. Mir wäre wohler ich wüsste, sie würde zu dir ziehen, als wenn ich sie ins Heim geben würde, oder jemandem in der Nachbarschaft.“

Ophelias Herz setzte einen Schlag aus. „Du würdest sie mir geben?“

Adelie nickte. „Ich bin kein Katzenmensch. Ich bin fast nie daheim. Sie würde hier auf Dauer nicht glücklich werden, und ich auch nicht. Und wenn sie bei dir wäre, könnte ich sie immer noch besuchen.“

Mietzi lag in Ophelias Schoß, eine Pfote elegant ausgestreckt, das Schwänzchen zierlich herunterhängend. Niedlichste Pfötchen. Ein seidiges Fell, das bei richtiger Fütterung sicher noch seidiger werden würde. Mit jeder Sekunde verliebte sie sich mehr. Seitdem sie in Westerhaven war, vermisste sie das gemeinschaftliche Leben mit einem Haustier, mit einer Katze, und nun tat sich aus dem Nichts heraus die Chance auf, Mietzi ein Zuhause zu bieten. „Gib mir noch drei Tage, um meine Wohnung Katzenkindsicher zu machen, dann nehme ich sie. Ich glaube, sie und ich werden ganz schnell beste Freunde.“

Adelie gab einen merkwürdigen Freudenschluchzer von sich, und fiel ihr um den Hals. „Ophie, du bist einfach die Beste.“

Sie drückte Adelie zurück. „Nein, du bist die Beste. Du rettest mir ein Kätzchen.“

Drei Tage später rollte die schwere Limousine mit dem Klaiberschen Familienwappen auf den Türen vor Ophelias Wohnung vor. Henry, Adelies Leibwächter, öffnete die Tür zum Fond, und Adelie stieg zusammen mit einem großen Katzentransportkorb aus. Ophelia stand am Fenster und beobachtete mit zunehmender Aufregung die Szenerie. Henry öffnete den Kofferraum und holte eine ganze Reihe Kisten heraus. Was hatten die beiden alles mitgebracht?

Adelie lupfte den Katzenkorb, Henry den Stapel Kisten, und gemeinsam standen sie alsbald in Ophelias kleiner Wohnung. Die ganzen Kisten entpuppten sich als allerlei Katzenzubehör, ein Kratzbaum und ein Katzenbettchen. Dann holte Adelie noch einen Creditchip aus ihrer Brusttasche und reichte ihn Ophelia. „Für die Tierarztrechnungen. Klaiber Incorporated zahlt.“

Ophelia wusste nicht, was sie sagen sollte. Stattdessen nahm sie ihre Freundin einfach in den Arm und drückte sie, bis sie keine Luft mehr bekam. „Du bist völlig wahnsinnig, aber auf die gute Art. Danke, danke, danke.“

Adelie nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Smarts, du erweist mir gerade mehr als nur einen Freundschaftsdienst, und ich will nicht, dass Mietzi dir die Haare vom Kopf frisst. Sie soll dir Spaß und Freude bringen, keine Geldsorgen.“

Und dann waren Adelie und Henry auch schon wieder verschwunden, nachdem Adelie Mietzi noch einmal fest gedrückt hatte und sie daran erinnert hatte, anständig zu sein.

Mietzi saß in der Mitte des Raumes und betrachtete Ophelia. Dann lief sie zu ihr hin und ließ sich hochnehmen. „Willkommen daheim, Mietzi.“

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Findelkind (1)