Leslies Geschenk
Leslie winkte ihrer Kollegin zum Abschied, schlüpfte in ihren hellblauen Sommermantel und nahm ihre Tasche. Sie verließ das Krankenschwesterzimmer nur zwei Stunden später als geplant, das war schon fast ein pünktlicher Feierabend. Das Krankenhaus war riesig, und es dauerte gute 10 Minuten, bis sie schließlich durch den Hauptausgang in den Sommerabend trat. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte Adelies tiefschwarzer ELF Sportwagen, und seine Besitzerin lehnte unverfroren an seiner Tür, die Blicke, die ihre Erscheinung in einem figurbetonten, roten Etuikleid, schwarzen Handschuhen und einer gigantischen Sonnenbrille auf sich zog, geflissentlich ignorierend. Sie winkte als sie sie entdeckte, und Leslie beeilte sich, die Straße zu überqueren. Bevor sie darüber nachdenken konnte, einmal so selbstbewusst zu sein wie ihre Freundin, hatte diese sie zur Begrüßung fest in die Arm genommen.
„Du siehst aus, als hättest du gerade deinen dritten Ehemann beerdigt,“ schnaufte sie, als Adelie ihr die Tür zur Beifahrerseite öffnete.
Diese lachte nur. „Entschuldigung, aber ich komme direkt aus einem Geschäftstermin der nicht warten konnte bis ich in den Semesterferien wieder in Lewiston bin. Heute bin ich mehr Baroness als Studentin.“
Die Tür schloss sich, und für einen Moment war sie allein im Auto. So aggressiv sein Äußeres war, so elegant war das Innenleben des ELFs. Die Schalensitze waren mit feinstem schwarzen Leder bezogen und unglaublich bequem. Edles Walnussholz, weicher Teppich und dezente, kirschrote Akzente verrieten, das Adelie einen exzellenten Geschmack hatte. Diese war nun auch in den Wagen gestiegen und ließ den Motor an. Was sich draußen wahrscheinlich nach Donnergrollen anhörte und erneut die Aufmerksamkeit der Passanten erregte, war drinnen nur ein leises Grummeln. Adelie drückte ein Knöpfchen auf der Konsole, und in Leslies Sitz kam Bewegung. „Ah, was ist das?“ quiekte sie.
Adelie grinste. „Die Massagefunktion. Ich dachte, ich verwöhne dich ein bisschen, nach deinem langen Arbeitstag.“
Es war tatsächlich angenehm, und lenkte sie von Adelies flottem Fahrstil ab, mit dem sie sich durch den Feierabendverkehr schlängelte. Leslie wollte nicht wissen, wie es sich anfühlte, mit ihr Rallye zu fahren, ihr wurde allein schon bei dem Gedanken daran schlecht. „Danke dass du mich abholst. Jetzt noch im vollen Bus stehen zu müssen wäre furchtbar gewesen.“
Adelie tätschelte ihren Oberschenkel, während sie einhändig einen deutlich langsameren Vordermann überholte. „Ich weiß Liebes, deswegen hab ich gefragt, ob du schon Feierabend gemacht hast.“
„Das ist aber trotzdem kein Grund wie eine Irre nach Hause düsen!“
Adelies Vorstellung von einer den Verhältnissen angepassten Fahrweise sah deutlich anders aus als Leslies. Aber wenn sie ehrlich war, jemand der früher Rallyes gefahren und nun Kampfjets flog, hatte grundsätzlich eine andere Vorstellung von Risiko als jemand, der seinen Tag damit verbrachte, Leute zu pflegen, denen eine Berufswahl in der United Space Force zum Verhängnis geworden war. Sie lehnte sich in den Sitz und schloss die Augen - Adelie wusste was sie tat, und sie sollte lieber genießen, das ihre Freundin ihren Luxus so bereitwillig teilte. Die Massage tat gut.
In absoluter Rekordzeit erreichten sie den Star City Complex, und Adelie parkte den ELF in der Tiefgarage, bevor sie in den Aufzug stiegen, der sie in den sechsten Stock brachte. Sie war immer noch dankbar, dass das Schicksal ihr eine direkte Nachbarin wie Adelie beschert hatte, auch wenn sie so unterschiedliche Persönlichkeiten waren. Ihre Freundin stoppte an ihrer eigenen Tür, die genau gegenüber ihrer war, und zog ein kleines Päckchen aus ihrer Handtasche. Es war in rosa-silbrig schimmerndes Papier eingepackt und mit einer großen rosa Schleife verziert, auf die der Name Etoile Dorée in großen geschwungenen Buchstaben gedruckt war. „Meine Assistentin hat dir was aus Lewiston mitgebracht.“
Leslies Herzschlag setzte einmal aus, als sie mit zitternden Finger das Päckchen aus dem exklusiven Kosmetikladen entgegen nahm, bestimmt gefüllt mit lauter wunderbaren Dingen die sich eine normalsterbliche Krankenschwester niemals leisten können würde. „Ihr seid beide wahnsinnig, das muss wieder ein Vermögen gekostet haben.“
Adelie zog sie fest in ihre Arme. „Du verdienst es, dass dich ab und zu mal jemand nach Strich und Faden verwöhnt. Du tust soviel Gutes.“
„Aber…“ Leslie versuchte zu protestieren, aber Adelie legte ihr den Finger auf den Mund.
„Kein Aber. Du brauchst eine gute Fee in deinem Leben, die danach schaut dass du dich nicht bis auf die Knochen runterwirtschaftest. Sonst wird das mit dem Märchenprinz nämlich nichts.“
Gute Fee. Ja, das war Adelie. Sie verabschiedeten sich, und Leslie trug ihr unverhofftes Geschenk wie einen Schatz in ihre Wohnung. Sie zog ihre Schuhe aus und stellte sie in den Schuhschrank, hängte ihren Mantel auf und tauschte die Krankenschwesteruniform gegen einen bequemen Leinenrock und eine ärmellose Bluse. Sie legte das Geschenk auf ihren Wohnzimmertisch und holte ihre Gießkanne aus der Küche. Ihre grünen Freunde begrüßten sie wie immer schweigend, aber ihr abendliches Ritual der Pflanzenpflege bedurfte keiner Worte. Die üppige Grünlilie tröstete sie mit ihren Ausläufern, die wie ein Vorhang über das Bücherregal hingen. Daneben stand ihre Sammlung Usambaraveilchen, und eines blühte immer und erfreute ihr Herz. Eine Efeutute rankte sich um das andere Bücherregal, und dazwischen stand ein mächtiges Fensterblatt. Zu ihrer Freude entdeckte sie ein hübsch gefenstertes neues Blatt, dass mit seinem zarten Hellgrün aus der dunkelgrünen Masse hervorstach. Nachdem sie in ihrem grünen Dschungel nach dem rechten gesehen hatte, machte sie sich einen Tee und setzte sich auf ihr Sofa. Nun war es Zeit für Adelies Geschenk. Sorgfältig löste sie die Schleife und versuchte, so wenig wie möglich das Geschenkpapier zu beschädigen, als sie es öffnete. Darunter kam ein mit mintfarbendem Stoff bespannter Karton zum Vorschein, auf den mit Goldfolie Etoile Dorée gedruckt war. Sie hob den Deckel ab und fand eine Karte: „Lass es dir gut gehen, Monika und Adelie.“ Als sie das Seidenpapier beiseite schob, fand sie eine Auswahl an Cremes, Ampullen und Masken, eine exquisiter als die andere. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Adelie mit dem Katalog auf dem Schoß am Telefon mit ihrer Assistentin die Bestellung diskutierte, denn es war maßgeschneidert für jemanden der zu viele Nachtschichten schob. Entspannung, Erholung, Anzeichen von Müdigkeit, strahlende Haut. Adelie hatte Recht, wenn sie aussah wie ein ausgewrungener Putzlumpen würde das mit dem Märchenprinzen wahrscheinlich wirklich schwierig werden. Sie drückte den Karton an ihre Brust, gerührt über die Geste ihrer Freundin. Dann eilte sie ins Bad, wusch sich das Gesicht und trug eine der Masken aus der Kategorie Erholung auf. Sie roch teuer und kostbar, und fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an. Die Instruktionen sagten, dass man die Maske 15 Minuten einwirken lassen sollte, um dann etwaige Reste mit einem Tuch abzunehmen. Zeit genug, das Geschenkpapier glattzustreichen und in die Schublade zu den anderen zu legen, und noch eine weitere Tasse Tee zu trinken. Sie holte die Dose mit der Lavendel Melissen Mischung aus dem Schrank, denn Erholung und Entspannung war das Motto des Abends. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, blickte sie aus dem Küchenfenster auf die Straße unter ihr. Das Abendlicht leuchtete auf den geparkten Autos, ein paar Kinder kamen heim vom Spielplatz und Frau Dr. Waldhaus führte ihren weißen Pudel Gassi. Egal wie lang und anstrengend der Tag gewesen war, sie war daheim, hatte ein Wohlfühlpaket ihrer besten Freundin bekommen und einen ruhigen Abend vor sich. Das Leben war gut.