Ein Tag am Strand
Die leichte Brise wehte Gischt von einem Wellenkamm in Adelies Gesicht. Sie spürte wie der feine Film Salz auf ihrer Haut trocknete, und schmeckte es auf ihren Lippen. Der Sand unter ihren nackten Füßen war warm und fein. Die warme Sommerluft roch nach Tang der am Saum der letzten Flut trocknete und den Kräutern die in den Dünen wuchsen. Sie lehnte sich an den Felsen in ihrem Rücken und beobachtete das Spiel der Möwen im blauen Himmel. Sie jagten immer und immer wieder im Kreis über die Dünen, über den Strand zum Wasser, bis hinaus zum Vogelfelsen, und wieder zurück. Ihr Blick blieb an dem turmartigen Felsen in Mitten der Bucht hängen. Er war das Zuhause der Möwen, und ein markanter Anblick. Etwas kam auf sie zugeschossen und sie konnte im letzten Moment abwehrend den Arm heben, bevor der Volleyball sie traf. „Hey!“
Jake kam angejoggt um ihn einzusammeln. „Entschuldigung, das war ein Versehen.“
Sie warf ihm den Ball zu. „Solange ihr nur mich und nicht Nate trefft, ist alles gut. Ansonsten wäre das fatal für unser Abendessen. Wie steht‘s?“
Jake lachte. „Ophie und Gerald führen. Aber so schnell geben Leslie und ich nicht auf. Wir sind ein Dreamteam.“
Nachdem er von dannen gezogen war, kam von ihrer Seite, da wo Nate damit beschäftigt war die Fische zu füllen, die sie grillen wollten, ein amüsiertes: „Dreamteam, hm? Weiß das Leslie?“
Sie knuffte ihn. „Pscht. Lass ihn doch. Die beiden werden das schon irgendwann auf die Reihe kriegen.“
Ihr Freund blickte von seiner Arbeit auf und grinste sie an. „Bist du dir da sicher?“
Sie grinste zurück. „Sehr sicher, Jake hat genug Rugbyerfahrung um durch jede Abwehr zu brechen.“
Bevor sie die Diskussion weiterführen konnten, kamen die anderen von ihrer Beach Volleyball-Partie zurück, Gerald und Ophelia die offensichtlichen Gewinner. Leslie und Ophelia gingen direkt zur Eisbox um sich ein Getränk zu holen, während Gerald sich einfach in den Sand fallen ließ. „Erinnert mich daran, nie wieder mit Smarts und gegen Jake zu spielen.“
Adelie griff in die Eisbox und reichte ihm einen Eistee. „Zu viel Ehrgeiz für dich, Gerry?“
„Nein, zu viel Tempo.“ Dankend nahm er ihr die Flasche ab.
Ophelia hatte ihren Durst gestillt und sah Adelie und Leslie auffordernd an. „Wie sieht‘s aus Mädels - ein Strandspaziergang? Wir brauchen noch mehr Feuerholz.“
„Bin dabei, wenn ich vorher noch die Füße ins Wasser halten darf,“ antwortete Leslie.
Gemeinsam liefen sie zur Brandung. Adelie krempelte ihre Jeans hoch, damit sie nicht zu nass wurde. „Oh wow, das Wasser ist ganz schön kalt.“ Genau genommen war es eisig, aber es hatte auch eine wundervolle flaschengrüne Farbe und Adelie schalt sich dafür, dass sie ihre Aquarellfarben nicht mitgenommen hatte.
Quiekend und lachend hüpften sie in der Brandung, während sie sich an den Händen hielten. Adelie liebte das Meer, auch wenn ihre Zehen vor Kälte fast rot waren. Der weiche Sand unter ihren Füßen, der Sog der davonziehenden Welle, und das Spritzen wenn sie wieder kam. Im Wasser konnte sie kleine braune Fische herumflitzen sehen, die vom Sog ebenfalls mitgerissen wurden. Schließlich war es doch zu kalt, und sie wanderten über den warmen Sand ans Ende der Bucht, um eine Felsformation zu bestaunen und um auf dem Rückweg Treibholz einzusammeln. Der letzte Sturm hatte einiges an Unrat angeschwemmt, und bald liefen sie alle mit gesenkten Köpfen auf der Suche nach maritimen Schätzen den Strand entlang. Adelie fand einige schöne Muschelschalen, die sie in die Hosentasche steckte. In Eden hatte sie zu weit weg vom Meer gewohnt, als das regelmäßige Strandausflüge eine Option gewesen wären. Dass Meadow Junction nur eine Stunde Fahrt von der Küste entfernt war, kam ihr immer noch wie ein großes Geschenk vor. Meer auf der einen Seite und Berge auf der anderen - dieser Landstrich hatte wirklich alles zu bieten. Sie beschattete ihre Augen und blickte in die Ferne, wo sie die Jungs beim Feuer sehen konnte. Henry und Salvatore hatten ihren Van verlassen und sich dazugesellt, und alle gestikulierten wild. Was da wohl vor sich ging? Schließlich löste sich eine Figur aus der Gruppe, die sie anhand ihrer harmonischen Bewegungen schnell als Nate identifizierte, auch wenn er gerade nur ein Schatten gegen die über dem heißen Sand flimmernde Sonne war.
Er lief ihnen entgegen, und traf sie auf halber Strecke. Auch seine Jeans war hochgekrempelt, und entblößten braungebrannte Waden. Sein weißes T-Shirt saß eng genug um seine üppigen Oberarme zu betonen. Ihr Herz begann immer noch zu klopfen, wenn sie ihn so sah.
„Tiger!“ Sie ließ das Treibholz fallen und warf sich in seine geöffneten Arme als hätte sie ihn seit Stunden nicht gesehen, weil sie wusste, dass ihn das glücklich machte. Er hob sie hoch und schwang sie herum, bis sie vor Lachen nicht mehr konnte. „Lass mich runter, bitte.“
Er setzte sie vorsichtig ab und grinste sie an. „Na, ihr Schatzsucher, was habt ihr gefunden?“
Sie hängte sich in seinen Arm. „Gerade einen verdammt gutaussehenden Meermann.“
„So, so.“ Er zog sie in seine Arme und küsste sie. Sie konnte das Salz vom der Gischt auf seinen Lippen schmecken.
Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, ihre Treibholzsammlung zurück zu tragen, während sie Leslie und Ophelia zurück zu ihrem Platz folgten. Gerry und Jake hatten bereits angefangen, ein lustig brennendes Feuerchen zu entfachen, aber es war klar, dass auch das Holz, was sie gerade gesammelt hatten, noch nicht reichen würde.
„Doc, kann ich dich motivieren, noch eine Runde über die andere Seite zu drehen?“ Jake sah Leslie mit seinen besten Dackelaugen an, worauf diese erst rot wurde und dann einfach nur nickte.
Kaum waren sie außer Hörweite, kicherte Gerald. „Das ist das beste Theaterstück dem ich jemals beiwohnen durfte. Sie wird ihn noch mit einem ihrer Skalpelle filetieren, wenn er nicht aufpasst.“
Ophelia schüttelte den Kopf. „Ich frage mich, ob sie nicht merken, dass wir merken, wie sie aufeinander fliegen? So schwer kann das doch nicht sein.“
Adelie lachte und setze sich neben Nate und das Feuer. „Darf ich dich daran erinnern, wie oft du mir Nate und unseren angeblichen Funkenflug vorgehalten hast? Manchmal ist der erste Schritt viel schwerer als es aussieht.“
Ihre Freundin warf die Hände in die Luft. „Ihr beide ward auch zum Haare raufen. Noch schlimmer als die beiden Drückeberger da hinten - ihr habt offen miteinander geflirtet, dass sich die Balken gebogen haben, und dann hat es trotzdem Monate gedauert. Es war zum Verrücktwerden mit euch. Ich war kurz davor, meine Großmutter um ihre Voodoo Puppen zu bitten.“
Nate lachte sein rumpelndes Lachen. „Dann waren wir wohl einfach ein schlechtes Beispiel für die beiden.“
Er hatte die ausgenommenen Fische mit einer Kräutermischung gefüllt, und nun klemmte er sie in fischförmige Gitter um sie über der mittlerweile entstandenen Glut zu grillen. Jake hatte große Steine um das Feuer gesetzt, auf die nun ein Rost für die Fische gelegt wurde. Sobald dieser heiß war, legte Nate die Fische drauf, deren Haut beim Berühren des heißen Metalls zischte. Bald wehten Düfte um Adelies Nase, die ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. In der Ferne konnte sie Jake und Leslie sehen, offenbar mehr in ein Gespräch vertieft waren als damit beschäftigt, weiteres Treibholz zu suchen. Jake war fast zwei Köpfe größer als Leslie, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als das Leslie in den Armen des kräftigen Kadetten eine Schulter zum Anlehnen finden würde.
Schließlich waren die Fische fertig, und Gerry joggte im Licht des Sonnenuntergangs Richtung Leslie und Jake um sie zum Essen zu rufen. Nach dem Essen holte Gerry seine Gitarre und begann alte schottische Volkslieder zu singen. Adelie lehnte sich an Nates breite Brust und blickte in den Funkenflug des Lagerfeuers, das hoch in den dunklen Nachthimmel loderte. Er drückte einen Kuss auf ihren Scheitel und flüsterte in ihr Ohr: „Ich kann dir nicht sagen, wie froh ich gerade bin, dich im Arm zu halten.“