Der Innere Kompass

Vor dem Stadion

Adelies Daumen fuhr gedankenverloren die harte Naht aus feuerrotem Zwirn an ihrem schwarzen Lederlenkrad entlang, als vor ihr eine Gruppe Studenten der Space Force Akademie lachend und scherzend über die Straße schlenderte. Die Sonne wärmte ihren Arm, der lässig auf der Fensterleiste des ELF Hurricanes ruhte, während sie darauf wartete, dass sich die Autos vor ihr wieder in Bewegung setzten. Halb Meadow Junction schien auf den Beinen zu sein und überall leuchteten die blau-goldenen Trikots der Westerhaven Wolves in der Menge. Vor der Eisdiele tupfte eine junge Mutter in einem rosa Gingham-Kleid entnervt einen Eisfleck aus ihrem weiten Rock, während sie gleichzeitig mit ihrer Tochter schimpfte, die sehr betrübt auf ihre Eistüte schaute.

Schließlich schien sich der Verkehr wieder zu bewegen und sie drückte sanft auf das Gaspedal des Sportwagens, der sich mit einem tiefen Grollen wieder in Bewegung setzte. Nur ein paar Minuten später bog sie endlich auf den Besucherparkplatz des Akademiestadions ein, dessen mächtige Platanen kühlen Schatten boten. Im Rückspiegel sah sie, wie Henry ihr im matt-schwarzen Van auf den Fersen blieb. Grinsend steuerte sie einen der beiden reservierten Parkplätze an - ihr Unternehmen Klaiber Inc. war seit dieser Saison Sponsor des Rugbyteams, und so kam sie in diesen besonderen Genuss. Der massige Wagen parkte rückwärts neben ihr ein, und sie nickte ihren Wachen Henry, Salvatore und Enrique zu, ihre übliche Truppe für Ausflüge dieser Art.

„Wieso habe ich das Gefühl, dass ihr diese Aufgabe nicht immer mit dem nötigen Ernst betreibt?“, fragte sie, als sie sie hinter dem Lieferwagen traf. Alle drei waren in Westerhaven Wolves Trikots gekleidet, und Enrique holte gerade eine große blaue Fahne aus dem Laderaum.

„Fräulein Klaiber, wir nehmen Ihren Schutz sehr Ernst, aber wir möchten auch  nicht auffallen.“ Henry, einer ihrer dienstältesten Leibwächter und ein bulliger Mann mit kurzen blonden Haaren, zwinkerte ihr zu.

„Aha.“ Sie grinste ihn an. „Und dieser Aufzug hat nichts damit zu tun, dass ihr nicht auch Unterstützer unseres großartigen Rugbyteams seid?“

„Wooooolves!“ Enrique schwenkte enthusiastisch seine Fahne, was ein „Go, Wolves!“ einer vorbeigehenden Gruppe als Antwort erhielt.

Salvatore hatte derweil schweigend einige Campingsessel aus kräftigem grünen Leinwandstoff aus dem Laderaum gezogen und diese aufgestellt. Adelie fischte eine Limonadenflasche aus einer gelben Kühlbox und setzte sich dann in einen davon. Prickelnde Limette mit einem Hauch Ingwer erfrischte sie. Direkt aus der Flasche zu trinken und nicht etwa aus einem Glas war immer noch glorios despektierlich. Eine Baroness die aus der Flasche trank! Auf einem öffentlichen Parkplatz! Ihre Mutter und Großmutter würden wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Hinter ihnen ragte das Stadion in die Höhe, und davor hatte sich die Blaskapelle des Akademieorchesters aufgebaut. Goldene und dunkelblaue Fahnen flatterten in der Brise, die auch die Musikstücke zu ihnen herüber wehte. Die Kapelle hatte eine fast so große Anhängerschaft wie die Wölfe selbst, besonders seit Remy Duchamps das Regiment übernommen und eine regelrechte Partytruppe zusammengestellt hatte. Auch jetzt konnte sie ihn wieder an seinem bunt bemalten Boogie Board in die Tasten hauen sehen, während die Sousaphone und Posaunen wie immer ihre Show abzogen. Messing blitzte bei jeder Bewegung in der Sonne. Mit dem Wind kam nicht nur Musik, sondern auch der unweigerliche Duft von Pommes frites, gegrillten Hähnchen und Popcorn. Adelies Magen knurrte unüberhörbar bei dieser Präsentation an Spaß und Stadion Cuisine.

„Ricky, sei so gut und hole bitte zwei halbe Hähnchen und Pommes bei Willi. Der macht die besten.“ Sie reichte Enrique einen Creditstick, und der jüngste Leibwächter joggte gehorsam von dannen.

„Juhuuu-huhuuu!“ Eine junge Frau näherte sich ihrem kleinen Camp, in weißen Capri Hosen und einem Wolves Trikot bekleidet.

Adelie stand auf und umarmte ihre Freundin herzlich. „Leslie! Du bist ja schon da! Ich dachte, deine Schicht würde länger gehen?“

Leslie Andresen plumpste in einen der Campingsessel und pustete sich eine blonde Haarsträhne aus den veilchenblauen Augen. Dann lachte sie wieder. „Ich habe Madeleine überreden können, eine halbe Stunde früher anzufangen. So konnte ich eher gehen und habe noch was von unserem Vorglühen bis das Spiel anfängt, anstatt erst in letzter Sekunde hier aufzukreuzen.“ Adelie reichte ihr eine Himbeer-Limonade. „Wie ich sehe hast du bei Trudy eingekauft!“

Adelie setzte sich wieder in ihren eigenen Sessel und schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein, Nate hat seinen Mitarbeiterrabatt geltend gemacht. Aber er und ich sind der gleichen Meinung: Die Limonaden des Lemon Tree sind einfach die Besten. Da kommt Hensley’s nicht dran vorbei.“

„Die Damen.“ Enrique war zurück und verfrachtete seine Beute auf den Campingtisch, den Salvatore und Henry in der Zwischenzeit aufgebaut hatten. Adelie zog den Picknickkorb aus dem Wagen und holte Teller heraus.

„Oh, Essen!“ Leslie klatschte begeistert in die Hände. „Du hast wirklich ein Herz für Krankenschwestern.“

„Ich bin genauso hungrig wie du, auch wenn ich keine Schicht im Stützpunktkrankenhaus hinter mir habe.“

„Es scheint, als dass ich keine Sekunde zu früh da bin.“ Eine groß gewachsene Frau mit dunkler Haut und einer beeindruckenden Mähne aus schwarzen, blauen und goldenen Zöpfchen stellte ihr Fahrrad neben dem Van ab und trat zu Adelie.

„Ophie, du kommst genau richtig.“ Adelie drückte ihre Freundin an sich. „Dein Smart Sense hat dich wie immer nicht im Stich gelassen.“

„Ich muss mir doch treu bleiben. Aber lass dich anschauen, du siehst wieder atemberaubend aus, meine Liebe. Dies ist ein Rugby Stadion, keine Modenschau.“

Adelie zupfte betreten an ihrem weiten, blauen Rock, den ein Petticoat ausstellte und in den dezent ein stilisierter Wolfskopf eingewebt war. „Nate liebt diesen Rock, und sie haben noch nie verloren, wenn er Teil meines Outfits ist.“

Ophelia LeBlanc klapste ihr lachend auf die Schulter. „Lass dich doch mal necken, Mensch. Ich weiß doch, was auf dem Spiel steht. Saisoneröffnung gegen den Erzrivalen, und dein Beau das erste Mal als Kapitän auf dem Feld. Da würde ich auch alle Register ziehen.“

Sie naschten Pommes und Hähnchen und beobachteten die zunehmend dichter werdende Menschenmenge, die in Richtung Stadion strömte. Hier und da konnte man in den blau-gold gekleideten Massen auch einen roten Punkt entdecken, die Whitestone Wanderers hatten wohl auch den ein oder anderen Fan mitgebracht. Doch je weiter die Uhr vorrückte, desto mehr fühlte Adelie einen Knoten im Bauch, den auch die Neckereien mit ihren Freundinnen nicht zu lösen vermochten.

Schließlich erhob sich Ophelia und zog sie hoch. „Allons-y, wenn wir nicht zu spät zum Anpfiff sein wollen.“

Eingehakt strebten sie dem Eingang zu, gefolgt von Henry und Enrique, der enthusiastisch seine Fahne schwenkte und gelegentlich ein Awooooo-Wolfgeheul hören ließ, das immer von jemandem in der Menge beantwortet wurde. Sie erreichten schnell die Box, die sie für die Saison gemietet hatte - nun da Rugby ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden war, eine Investition in Bequemlichkeit und Sicherheit, die hauptsächlich Henrys Nerven beruhigte. Weniger Fremde um sie herum sorgten für entspanntere Leibwächter.

Das Stadion war ein blau-goldenes Fahnenmeer und Wolfsgeheul schallte durch das weite Rund. Die Blaskapelle hatte sich ebenfalls nach drinnen begeben und viele Fans tanzten zu den mitreissenden Stücken auf den Rängen. Eine Gänsehaut rieselte Adelies Rücken hinunter als sie Platz nahm. So nah war sie dem Spielfeld noch nie gewesen. Dass dies einen nicht zu unterschätzenden Vorteil hatte, realisierte sie erst, als sich ein Hüne aus dem sich aufwärmenden Team löste und in ihre Richtung joggte.

„Lily!“ Nate stützte sich auf der Brüstung ab und grinste sie an. Sie beugte sich vor und schlang ihre Arme um seinen schweißnassen Nacken. „Du hast dir wirklich die besten Plätze gekauft.“

„Alles nur für dich.“ Sie küsste ihn schnell. Öffentliche Zuneigungsbekundungen waren ihr ein Gräuel, aber sie wusste auch, dass Nate ihre Unterstützung gerade dringend brauchte. Liebevoll strich sie ihm dann durch die Haare. „Ich drücke dir alle Daumen.“

Er strahlte sie an, und für einen Moment trafen sich ihre Blicke mit einer Intensität, die den Rest des Stadions um sie herum verschwinden ließ. Dann trat er einen Schritt zurück und klopfte sich mit der Faust auf sein Herz. Die Geste ließ wiederum ihres schmelzen und mit einem Seufzer setzte sie sich hin. Bild und Ton kehrten in ihre Wahrnehmung zurück, inklusive zweier feixender Freundinnen.

„Dir ist schon klar, dass du gerade hunderte von Frauenherzen gebrochen hast, oder?“ Leslie verschränkte ihre Arme vor der Brust.

Ophelia verteidigte Nate, während Adelie noch ihre sonst so übliche Schlagfertigkeit suchte: „Ist doch süß, dass er sich einen Glücks-Kuss holt bevor er sich in die Schlacht wirft.“

Nate hatte sich wieder zu seinen Teamkameraden gesellt. Er lachte und scherzte mit seinem besten Freund Jake, und schien keinen Funken Nervosität zu verspüren, ganz anders als sie. Sie war nicht mehr die Rallye-Fahrerin die das Steuer in der Hand hielt, sie war die Freundin an der Seitenlinie, und zum Zuschauen verdammt zu sein war nicht ihre Stärke. Nate zuzuschauen war allerdings bei weitem keine Tortur. Er war wie seine Teamkameraden groß und kräftig, aber seine Bewegungen waren flüssig, fast poetisch schön. Es sah so einfach aus, was er machte. Wuscheliges schwarzes Haar, blaue Augen und ein lausbubenhaftes Lächeln  komplettierten seine unbestreitbare Anziehungskraft.

Jake hingegen war noch bulliger, größer und ein Fels in der Verteidigung der Westerhaven Wolves. Ihr fiel auf, dass Leslie ihn nicht aus den Augen ließ. Diese Beobachtung lenkte sie für einen Moment von ihrer eigenen Anspannung ab, doch dann verließen die Teams den Rasen und die Eröffnungszeremonie begann.

„Bist du nervös, Liebes?“ Ophelia nahm ihre Hand als die Fahnenträger aufmarschierten.

„Schrecklich nervös.“

„Hey.“ Ihre Freundin drückte sie. „Er wird das meisterlich hinkriegen. Da ist sich mein Smart Sense ganz sicher.“

Sie lehnte sich in die Umarmung Ophelias. „Ich weiß, ich weiß. Er ist nicht ohne Grund Kapitän geworden, aber Whitestone ist kein einfacher Gegner, und dass sie das Finale letztes Jahr gegen die Wölfe verloren haben, war eher ein Ausrutscher. Wir sind zwar Meister, aber immer noch der Underdog.“

„Und einige Stammspieler haben ihren Abschluss gemacht und sind weg - so wie der vorherige Kapitän.“ Leslie ergänzte Adelies Befürchtungen um nur noch mehr Gründe die gegen die Wölfe sprachen.

Ophelia schüttelte den Kopf. „Mein Smart Sense sagt mir, dass Nate das heute großartig machen wird, schlicht weil er sich nicht vor seiner Freundin blamieren will.“

Adelie kicherte wider Willen. „Möge deine Intuition recht behalten, ich würde mich darüber nicht beschweren.“

Dann war es endlich soweit. Die Teams kehrten auf den Platz zurück, die Seiten wurden ausgelost, und dann ertönte der Anpfiff, unter ohrenbetäubenden Wolfsgeheul.