Heimkehr nach
Greenvale Park
DURCH DIE HINTERTÜR INS PARADIES
Der Anblick auf dem Viewport der Kabine offenbarte geschäftiges Chaos. Adelie fand es jedes Mal aufs Neue faszinierend, wie es gelang, einen Bildschirm wie ein Fenster aussehen zu lassen. Obwohl sie sich tief im sicheren Inneren des Frachters Aurora befand, war die Illusion perfekt: Sie sah durch ein Bullauge direkt auf den Frachtflughafen. Die Aurora saß zwischen einer Handvoll anderer Frachter ihrer Größe, und zwischen diesen klobigen Raumschiffen wuselten GravLifts wie Blattschneiderameisen, beladen mit Frachtkisten und -kästen. In der Ferne konnte sie die spinnenähnlichen Arme der Laderoboter erkennen, die diese Frachten auf Förderbänder luden, die sie dann zum Zollterminal transportierten. Dreibrückens Weltraumfrachthafen war kein glamouröser Ort, genauso wie die Aurora kein luxuriöser Cruiser mit allem Komfort war. Ein Lächeln zuckte in Adelies Mundwinkel, als sie sich von der Aussicht losriss, und sich der kleinen, einfachen Kabine zuwandte, in der sie die letzten 36 Stunden verbracht hatte. Niemand, wirklich niemand, rechnete damit, dass Edens berühmteste und berüchtigtste Tochter ausgerechnet hier wieder heimatlichen Boden betrat. Was ihren Interessen entgegen kam, möglichst unerkannt den familiären Landsitz zu erreichen. Niemand las die Passagierlisten von Frachtschiffen, auch nicht, wenn sie der Flotte von Nikos Klaiber gehörten. Sie war ihrem Onkel zutiefst dankbar, dass er ihr und Nate einen einfachen und unaufgeregten letzten Teil der Reise nach Eden ermöglicht hatte. Ein Cruiser wäre komfortabler gewesen und hätte mehr Abwechslung geboten, als es der zweckmäßigen Atmosphäre der Aurora möglich gewesen war. Das Stockbett mit seinen einfachen Bezügen hatte es ihnen unmöglich gemacht, zusammen in einem Bett zu schlafen, was ungewohnt gewesen war. Dann stand da noch ein Tisch, zwei Stühle, und ein Waschbecken in der Ecke - es war kein Vergleich zu den Erste-Klasse-Kabinen, die sie bis zu Edens Sonnensystem gebracht hatten. Statt dickem Teppich gab es praktisches Linoleum, statt Essen à la carte formloses Essen mit der Crew in der Messe. Allerdings war diese Art von Familienanschluss auch etwas, das man auf einem der Cruiser nicht bekam - wann konnte man sich schon mit dem Maschinisten und dem Schiffsarzt bei Frikadellen und Salat unterhalten?
Ein weiterer Vorteil der Aurora: Als Frachtschiff, das erstmal seine Ladung löschen würde, bestand kein Grund für ihre wenigen Passagiere sofort von Bord zu gehen. Deswegen war Nate auch erst jetzt dabei die letzten Sachen in eine Reisetasche zu packen und diese zum Rest des Gepäcks zu stellen. Wieder einmal verlor sie sich in der Betrachtung seiner flüssigen Bewegungen. Er war groß und kräftig, und sie kannte niemanden sonst, der Rugby spielte und sich trotzdem so harmonisch wie ein Tänzer bewegte. Es lenkte sie erfolgreich davon ab darüber nachzudenken, ob es eine gute Idee gewesen war, schon zur Halbzeit ihres Studiums für einen Besuch nach Hause zurückzukehren.
„Adelie Estelle Klaiber, du scheinst keine Eile zu haben, diese bedauernswerte Nussschale zu verlassen.“
Im Türrahmen stand ein junger Mann, bekleidet mit einem eleganten dreiteiligen hellen Leinenanzug, braune wellige Haare verwegen in die Stirn fallend, und lachte sie an. In ihrer Brust explodierte die größte vorstellbare Freude.
„Leander!“ Sie durchquerte mit wenigen Schritten die Kabine und warf sich in seine weit geöffneten Arme. Tränen sprangen in ihre Augen, als sie sich regelrecht aneinander klammerten. „Was bin ich froh, dich zu sehen,“ murmelte sie in seine Schulter, den vertrauten Geruch seines Eau de Cologne tief einatmend.
Er drückte sie fest. „Ich auch. Es ist zu lange her.“
Schließlich löste sie sich aus den Armen ihres Bruder und drehte sich um. Nate grinste nur, etwas was sie ihm für immer hoch anrechnen würde. Nicht jeder Mann nahm es sportlich, wenn sich seine Freundin an den Hals eines anderen Mannes hängte, auch wenn der Name des Fremden es offensichtlich machte, um wen es sich handelte.
„Leander, ich weiß, du brennst darauf ihn endlich kennenzulernen, deswegen möchte ich dir seine Bekanntschaft keine Sekunde länger vorenthalten.“ Sie ergriff Nates Hand und zog ihn an ihre Seite. „Darf ich dir Nathan Havisham vorstellen, von dem ich dir schon soviel berichtet habe.“
Nate reagierte mit seiner ihm eigenen Gelassenheit und seinem typischen Charme. Lächelnd nahm er Leanders angebotene Hand und schüttelte sie herzlich. „Leander, es freut mich, das Gesicht hinter all den Briefen kennenzulernen, aus denen mir Adelie immer vorliest. Sie sind ein exzellenter Chronist der Vorkommnisse in Greenvale Park.“
Leander strahlte. „Nate, endlich. Sie sind schon so lange ein Teil von Adelies Briefen, ich brannte in der Tat sehr darauf, Sie kennenzulernen. Umso erfreuter war ich, als Adelie schrieb, Sie würden sie auf dieser Reise begleiten. Herzlich Willkommen auf Eden - durch die Hintertür.“
Nate legte den Arm um sie und zog sie an sich. „Sie wird ihre Gründe haben, diese, wie haben Sie sie genannt, bedauernswerte Nussschale gewählt zu haben.“
Leander grinste nur, und wandte sich dann wieder an sie. „Ich vermute, du hoffst der Aufmerksamkeit der Presse auf diese Weise zu entgehen.“
Sie nickte. „Es geht nicht um mich, ich bin den Wahnsinn und Tumult um meine Person gewöhnt, aber das möchte ich Nate nicht zumuten. Was machst du hier überhaupt? Ich hatte doch nur nach einem Wagen gefragt.“
Leander trat zur Seite um Adelies Leibwächter Henry in die Kabine zu lassen. Der bullige Mann mit stechend blauen Augen und kurz geschorenen blonden Haaren zeigte wortlos mit seinem kantigen Kinn auf die kleine Pyramide an Gepäckstücken, die sich im Raum auftürmte. Adelie nickte ihm zu, und er begann die Koffer aus der Kabine zu tragen. Leander ergriff wieder das Wort: „Keine Sorge, geliebte Schwester, ich habe dein Vorhaben schon verstanden, und habe ebenfalls den Hintereingang gewählt, um niemanden auf dumme Gedanken zu bringen. Ich dachte, warum nur eine Limousine schicken um euch abzuholen, wenn ich auch mitfahren und dich persönlich begrüßen kann. Es ist über zwei Jahre her, dass ich dich zuletzt gesehen habe.“
„Und unter was für Umständen. Lass dich anschauen, du siehst um Welten besser aus als ich Adieu gesagt habe. Soviel kräftiger und gesünder. Nicht mehr bettlägerig. Ich bin so unglaublich stolz auf dich, Leander.“
„Fräulein Klaiber, es wäre alles bereit zur Abfahrt.“ Henry hatte alle Gepäckstücke versorgt und stand abwartend in der Tür.
„Ich glaube, es ist Zeit zu gehen. Wir haben auf der langen Fahrt noch genug Zeit für ausführliche Gespräche,“ sagte Adelie und hakte sich bei beiden Männern unter. Zu dritt folgten sie Henry durch die labyrinthartigen Gänge der Aurora, bis sie die große Ladebucht erreichten und die Laderampe hinunter liefen. Eden begrüßte sie mit gleißendem Sonnenschein, der ihre nach einer Woche im Weltraum an Kunstlicht gewöhnten Augen unangenehm blendete. GravLifts passierten sie surrend, emsig Ware aus dem Inneren der Aurora befördernd. In der Ferne grollte der Donner der Triebwerke eines startenden Frachters, und Adelie spürte das Zittern im Boden. Ein leichter Wind wehte ihr den Geruch von Ozon, Schmieröl und gebratenen Zwiebeln um die Nase. Unten an der Rampe wartete Onkel Nikos persönlich und unterhielt sich mit dem Kapitän seines Schiffs. Ein Strahlen erhellte sein bärtiges Gesicht, als er sie alle erblickte.
„Adelie Klaiber - welch selten gesehener Gast. Lass dich drücken.“
„Was machst du denn hier?“ Sie umarmte ihren Onkel herzlich. „Ich habe viel mehr Empfangskomitee als ich erwartet habe.“
Er hielt sie eine Armeslänge von sich. „Mein liebes Kind, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dir ein Schiff leihe und dann nicht sicherstelle, ob Kapitän Paulsen die wertvolle Fracht auch unbeschadet liefert.“
„Natürlich tut er das, es war eine angenehme Reise mit ihm. Die Aurora hat auch eine nette und zuvorkommende Crew.“ Sie plauderten noch etwas mit dem Onkel, bis Henry erneut zur Abreise drängte.
„Fräulein Klaiber, Herr Klaiber, wir sollten fahren, bevor die Presse doch Wind von Ihrer Ankunft bekommt.“
„Fahrt los Kinder, wir sehen uns ja in ein paar Tagen auf der Geburtstagsfeier, da werden wir ausführlicher sprechen können.“
Erst jetzt entdeckte Adelie die Autos, die im Schatten der Aurora parkten. Ein schwarzer Van, in den nun die Leibwächter stiegen, und eine große, schwarze Limousine mit verspiegelten Scheiben, nicht unähnlich der, die sie in Westerhaven gelegentlich benutzte. Cremefarbene Ledersitze, bestickt mit dem Klaiberschen Familienwappen, und eine gut gefüllte Minibar erwarteten sie. Kaum hatte Henry die Tür hinter ihnen geschlossen, verstummte das Chaos des geschäftigen Treibens zu einem kaum wahrnehmbaren Summen. Wie oft hatte ihr ein Auto des familiären Fuhrparks Zuflucht vor dem unvermeidlichen Blitzlichtgewitter geboten, hinter dessen verspiegelten Scheiben sie Schutz vor neugierigen Kameras fand. Eine Wiederholung dieser aufdringlichen Aufmerksamkeit war das letzte was sie sich wünschte, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis Edens Klatschpresse Wind davon bekommen würde, dass sie zurück gekehrt war. Der 85. Geburtstag ihrer Großmutter Isadora, Baronin honesta, würde ohnehin nicht ohne die Aufmerksamkeit der Presse über die Bühne gehen. Nun kam es drauf an, wie gut das PR Team ihrer Mutter die letzten zwei Jahre gearbeitet hatte und ob sie ihr deswegen wohl gesinnt waren oder sie weiterhin das Enfant terrible in ihr sahen - immer für eine Schlagzeile gut.
Sie schob die unangenehmen Erinnerungen an ihre jüngere Vergangenheit zur Seite und beobachtete Leander und Nate. Zumindest dieses erste Aufeinandertreffen war freundlich verlaufen. Leanders Reaktion auf einen Mann an ihrer Seite war eine weitere Sorge gewesen. Nun erfüllte sie eine stille Freude, als sie die beiden Männer, die ihr am meisten bedeuteten, dabei beobachtete wie sie sich vorsichtig um ein Kennenlernen bemühten. Nate saß lässig neben ihr, aber so wie er ihre Hand hielt, war er sehr angespannt. Kein Wunder, den großen Bruder der Freundin zu treffen war für jeden Mann unangenehm. Die beiden so beieinander zu sehen, zeigte ihre Unterschiede. Nate war ein großer, kräftiger Rugbyspieler und ein durch militärisches Training gestählter Pilot. Strahlend blaue Augen leuchteten unter einem schwarzen Schopf dichten Haars. Neben ihm wirkte Leander geradezu zierlich, was nicht nur an den Nachwirkungen seines fatalen Autounfalls vor nun fast drei Jahren lag. Anders als ihre Schwester Imogen und sie selbst hatte Leander noch nie großes Interesse an körperlicher Ertüchtigung gezeigt, auch wenn er, wie sie, zuerst im Motorsport involviert gewesen war. Stattdessen tat er sich immer mehr als der Familienhistoriker hervor und verbrachte Stunden in den Archiven der Familie.
„Du siehst großartig aus, Leander. Ich kann mich nicht daran sattsehen, dass du wieder wie mein Bruder aussiehst und nicht wie ein welkes Blatt, das gleich der Herbstwind vom Baume weht.“
Er saß ihr gegenüber und griff nach ihrer Hand, die er herzlich drückte. „Ohne deine Unterstützung, ohne deine Physiotherapeutin, ohne deine so wertvollen Tipps aus deiner Rallyezeit und aus deinem militärischen Training... wirklich Adelie, ich bin mir nicht sicher ob ich ohne dich nicht noch immer in diesem Bett liegen würde.“
Sie knuffte ihn. „Dann wäre ich heimgekommen und hätte dir persönlich Feuer unter deinem Allerwertesten gemacht.“
Diese Äußerung brachte Nate zum Lachen. „Das kann sie gut. Sie ist nicht ohne Grund Staffelkapitän des Albatros Geschwaders.“
Leander strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Das können alle Klaiber Frauen gut. Ich muss dich vorwarnen, Nate - als Mann hat man in dieser Familie nicht immer einen leichten Stand.“
Nate lachte und küsste Adelies Wange. „Da bin ich ja mal gespannt, auf was für Naturgewalten ich noch treffen werde.“
#
Das vertraute Interieur einer Klaiber Limousine beruhigte Nate, auch wenn es nicht der gleiche Wagen war, den Adelie auf Westerhaven benutzte, wenn sie in offiziellen Baronessen-Angelegenheiten unterwegs war. So unerwartet auf Leander zu treffen überrumpelte ihn etwas. Und auch wenn Leander ihm erstmal freundlich gesonnen schien - bei großen Brüdern wusste man nie, woran man war. Er wartete nur darauf, beiseite genommen zu werden und die übliche Rede zu hören: „Wenn du meiner Schwester das Herz brichst, dann mache dich auf ein unschönes und schmerzhaftes Ende gefasst.“
Die Ähnlichkeit zwischen den Geschwistern war unverkennbar. Leander war eine etwas ältere und männlichere Kopie von Adelie, mit den gleichen intelligenten braunen Augen, und dem gleichen schelmischen Lächeln. Sie waren eindeutig Bruder und Schwester. Beide schlank und hochgewachsen, war Adelie aber trotz ihrer weiblichen Figur, die gerade in einem eleganten blassgelben Etuikleid hervorragend zur Geltung kam, kräftiger und sportlicher als ihr Bruder. Leander erschien ihm wie jemand, der gerne seine Zeit hinter einem Schreibtisch verbrachte. Er konnte es ihm nicht übel nehmen, die Nachwirkungen des Unfalls machten ihm sicherlich noch zu schaffen. Adelie hatte mehr als einmal erwähnt, dass die Tatsache, dass Leander überhaupt wieder ohne Hilfsmittel laufen konnte, einem kleinen Wunder gleichkam. Die Geschwister steckten ihre Köpfe zusammen und Adelie fragte Leander in Hochgeschwindigkeit eine lange Liste an Verwandtschaft ab. Leander lachte, und lehnte sich in seinen Sitz zurück.
„Adelie, Adelie - halt ein. Niemand wird gerade auf Greenvale Park sein außer Imogen, Grandmère Isa und Tante Minchen, und die beiden haben heute Abend ihren Bridgeabend im Golfclub. Imogen hat jeden der üblichen Verdächtigen verscheucht, auch weil sie das Haus noch in Ordnung bringen möchte, bevor die große Feier steigt.“
Adelie pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn und runzelte die selbige. „Maman und Papi sind nicht da, wenn wir ankommen?“
Ihr Bruder schüttelte den Kopf. „Nein. Sie sind gerade noch auf der Bezirkskonferenz, von der sie leider nicht früher abreisen konnten, sie sollen morgen kommen.“
Seine hübsche Freundin lehnte sich mit einem Seufzer in die Polster. „Das ist schade, ich hatte mich auf sie gefreut. Aber eine Woche Weltraumreisen dreht einen ziemlich durch den Wolf. Ein ruhiger Abend wird gut tun, dann wirken wir beide etwas frischer wenn wir sie sehen.“
Das erinnerte ihn daran, dass er sich auf einem neuen Planeten befand. Sein dritter, nach der heimatlichen Erde und Westerhaven, der Planet auf dem sich die Space Force Akademie befand, und wo er Adelie kennen und lieben gelernt hatte. Er verstand sofort, warum die Gründer der Kolonie diesen Ort Eden tauften. Der Wagen fuhr gerade durch die Vororte von Dreibrücken, durch satte Felder und Wälder und kleine Ortschaften. Adelie und Leander waren formidable Reiseführer, die zu jeder kleinen Siedlung und zu jedem Gehöft sagen konnten, wer dort lebte und wie das Verhältnis zur Familie Klaiber war, die den Bezirk mit Geschick und Gewinn führte. Schließlich aber bog der Wagen auf eine kleine, gewundene Straße ab, die sich durch ein weites Tal schlängelte, und hielt alsbald vor einem gewaltigen, schmiedeeisernen Tor in einer noch gewaltigeren Mauer. GREENVALE PARK stand dort in großen Buchstaben. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Der Fahrer betätigte die Fernbedienung und die Torflügel schwangen geräuschlos zur Seite, um sie passieren zu lassen.
Adelie beugte sich vor. „Wir nehmen die Aussichtsroute, ich möchte Nate gern den Ausblick zeigen. Das Licht ist gerade so schön.“
„Jawohl, Fräulein Klaiber.“
Sie rollten durch einen weitläufigen Park, der genau das richtige Maß an gepflegt und verwildert war, um schön und natürlich zu wirken. Büsche und alte Bäume standen in lockeren Wäldchen und Grüppchen zusammen. Nate fragte sich insgeheim, was für eine Armee an Gärtnern hier wohl die Heckenschere schwang und das Unkraut jätete. Doch all seine weiteren Überlegungen wurden unterbrochen, als der Wagen stoppte und sie aussteigen ließ. Sie standen auf einer Hügelkuppe und vor ihnen erstreckte sich der Park, in dessen Mitte sich der Landsitz befand. Nate kannte aus seiner Heimat England einige Herrenhäuser, doch er hatte noch keines gesehen, das sich so perfekt in die umgebende Landschaft einfügte wie dieses. Vier Türmchen an jeder Ecke des quaderförmigen Gebäudes ließen es fast wie ein Schloß aussehen. Die frühe Nachmittagssonne badete alles in ihrem warmen Schein, und ließ die Blumenrabatten um das Haus herum leuchten. Auf saftig grünen Rasenflächen luden Sitzinseln unter weißen Sonnenschirmen zum Verweilen ein, die ohne Zweifel schon für die große Gartenparty in ein paar Tagen aufgebaut waren. In den Büschen sangen die Vögel, Grillen zirpten und über allem hing der Duft des Spätsommers.
„Amalia wusste genau was sie tat, als sie dieses Fleckchen Erde kaufte,“ sagte Adelie neben ihm. Ihre Miene war versonnen, doch zwischen ihren Brauen stand die klitzekleine Sorgenfalte, die Nate nur zu gut kannte, und die immer ein sicheres Zeichen war, dass etwas in ihr vorging.
„Alles in Ordnung, Babe?“ Er legte ihr den Arm um die Schultern, und sie schmiegte sich an ihn.
„Ich habe vergessen, wie schön Greenvale Park ist. Und nach zwei Jahren Abwesenheit ist es so merkwürdig, wieder hier zu sein. Zu sehen, wie sehr manches gewachsen ist, was sich verändert hat, und was immer noch gleich ist. Kennst du das, wenn man einen alten Lieblingspulli wiederfindet, den man fast vergessen hat? Etwa so. Der Pulli ist der gleiche, aber man ist nicht mehr die selbe Person, die man war, als man darin gelebt hat.“
Er drückte sie. „Ja, ich glaube, ich verstehe was du meinst. Vertraut, aber irgendwie doch fremd.“
Sie stiegen wieder ein und rollten nach wenigen Minuten vor dem Eingang vor. Eine mächtige, eisenbeschlagene Holztür öffnete sich, und eine junge Frau eilte hindurch.
Adelie sprang aus dem Auto, kaum dass es stand, und stürzte auf ihre Schwester zu. „Imogen, oh Imogen!“
Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass Tränen flossen, und so gab er ihnen etwas Raum.
Leander erschien an seiner Seite. „Herzlich Willkommen in Greenvale Park. Erbaut im Jahr 62 aus gelbem Sandstein von einem nahen Steinbruch dient es seit seiner Fertigstellung als Aushängeschild der Handwerkskunst des Bezirks Greenvale und hat zahllose andere Barone dazu inspiriert, mit Amalia gleichzuziehen. Bisher ist es aber noch keinem gelungen, etwas Vergleichbares zu erschaffen.“
Nate legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die imposante Fassade. Es war ein freundliches Haus, mit vielen Fenstern, Erkern und Balkonen. Links und rechts flankierten große Bäume wie Schutzpatrone das Anwesen. Über dem Eingang hing das Familienwappen, ein Kleiber auf einem Ast, umrahmt von Eichenlaub und gekrönt von einem Stern. „Was meinen Sie mit Aushängeschild der Handwerkskunst?“
„Amalia hat Wert darauf gelegt, nur lokale Handwerker und Künstler zu beschäftigen - Greenvale Park ist bis ins Fundament hundertprozentig Eden. Besonders, als es um die Ausgestaltung ging. Es war ihr zu einfach, kostbares Material oder Handwerker zu importieren, wie es so viele machen, die auf die etablierte Strukturen älterer Kolonien zurückgreifen um ihr Vermögen oder ihren Geschmack zur Schau zu stellen.“ Leander machte eine ausgreifende Handbewegung. „Sie war sich ihrer Verantwortung bewusst, dem ganzen Bezirk Wohlstand bringen zu müssen, und ihr Plan, dem Handwerk ein Schaufenster in Form eines grandiosen Herrenhauses zu geben, ging auf.“
„Ihre Urgroßmutter scheint eine gewiefte Geschäftsfrau gewesen zu sein.“
Leander nickte. „Nicht nur das, sie war auch eine exzellente Politikerin. Sie hat in vielen Dingen die Grundlagen für unseren heutigen Wohlstand gelegt.“